168 Wandlungen über Wesen und Zweck der Kriminalstatistik.
Strafgesetzgebung, das wachsende Entsetzen über die in der
Kriminalstatistik zum unwiderlegbaren Ausdrucke gelangende
Ohnmacht der doktrinären Strafrechtspflege hatten den Zweifel an
der Wahrheit der seit Jahrzehnten an allen deutschen Universi-
täten vorgetragenen Doktrinen in weiten und weiteren Streifen
wachgerufen. Den Anstoß zur Bewegung gab die bekannte
Schrift Mittel st ädts: Gegen die Freiheitsstrafen. (1879.,
Darin liegt ihre oft verkannte Bedeutung, darin das Geheimnis
ihres Erfolges. Sie sprach rückhaltlos, vielleicht zu schroff und
sicherlich zu einseitig aus, was die nicht unter dem Banne der
Schule stehende Masse der Juristen gefühlt hatte. Sie war
kein Programm, aber ein .Aufruf zum Kampfe'; und dieses
Ziel hat sie erreicht. Seit 1879 ist der Kampf auf der ganzen
Linie entbrannt. Auch außerhalb Deutschlands ist die Be-
wegung in Fluß gekommen. Die junge, anthropologische
Schule Italiens, geführt von Lombroso, Ferri und
Garosalo, rasch an Anhängern gewinnend und namentlich
in Frankreich sympathisch begrüßt, hat mit jugendlichem Un-
gestüm in der Verwertung kaum gefundener Resultate, aber
auch mit jugendlicher Kraft und Begeisterung den Kampf gegen
die klassische Kriminalistik ausgenommen, sie bestreitet
dem Strafrecht den Charakter einer juristischen
Disziplin und verwandelt es in einen Zweig der
Gesellschaftswissenschaft." (Liszt, Der Zweckim Straf-
recht - Gesammelte Aufsätze, Bd. I S.,129.»
Nicht zuletzt mag aber auch der Wandel in den sozial-
politischen Anschauungen mit dazu beigetragen haben, den
Umschwung der Meinungen herbeizuführen. Ter Anfang des
19. Jahrhunderts hatte dem Manchestertum mit seiner indivi-
dualistischen Weltauffassnng gehört, nunmehr setzte der Katheder-
sozialismus ein. Tie Gründung der Internationalen Krimina-
listischen Vereinigung am 31. Dezember 1888 ist nur eine auf
das Gebiet des Strafrechts übertragene Variante desselben Ge-
dankens, der zehn Jahre vorher bereits den Verein für Sozial-
politik geschaffen hatte. Das ist auch die Ansicht Friedrich
Kitzingers, des Biographen der Internationalen Kriminali-