204 VI. Der Kapitalismus und die Passivität der Landwirthschaft.
den bisherigen Eigenthümer — und es ist ungerecht und unpolitisch,
wenn der Staat diesen Enteignungsprozeß fördert durch schwere Belastung des
Grundbesitzes, durch strenge Eintreibung der Steuern und durch massenhafte
Feilbietungen von Gütern, auf denen Steuerrückstände haften. Der Staat
soll den Schwachen stützen gegen den wirthschaftlich Stärkeren; in diesem
Falle aber verbindet er sich gegen den Hülflosen, treibt ihn von dem ererbten
Haus und Hof und vermittelt den endgültigen Sieg des unerbittlich ¬
vordringenden beweglichen Kapitals.“
Dazu muß man freilich mit Faust sagen:
„Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube,
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind."
Denn erst wenn das Wunder passiren würde, daß die ausgesprochenen
Gedanken der „Deutschen Ztg. zum „endgültigen Sieg" in der Partei
führten, erst dann, sage ich, wäre der Glaube an die Botschaft berechtigt ¬
und — uns Allen geholfen.
Die „fortschrittliche Bauern=Partei“ in Oesterreich hat freilich eine
von der liberalen Partei im allgemeinen abweichende Meinung, indem
sie die Grundsteuer wo möglich ganz beseitigen möchte, während umgekehrt ¬
der Bauernführer Wisser in Deutschland wieder keine höhere
Forderung weiß, als: „das bestehende Maß der indirekten Steuern
herabzusetzen, sobald — — die allgemeine Staatslage die Ausführung
einer solchen Maßregel gestatte"
Daß dies ohne eine allgemeine
und durchgreifende Steuerreform nur auf Kosten der direkten Steuern
geschehen kann, also unter Umständen mit einer abermaligen Belastung
des Grundbesitzes abschließen müßte, davon hat der fortschrittliche Mann
keine Ahnung.
So viel ist gewiß: zwischen dem Grundbesitzer und Kapitalbesitzer
besteht in Beziehung auf die Steuerbelastung eine Ungleichheit, wie sie
schärfer kaum gedacht werden kann, und eben so gewiß ist es, daß mit
Hinzurechnung anderer aus dem Kapitalismus resultirender Bedrückungen
des Grundbesitzers dessen Steuerkraft erlahmen muß, weil er die Grundsteuer ¬
schließlich doch nur von den Erträgnissen zahlen soll, das Erträgniß ¬
aber mit der zunehmenden Belastung schmäler
wird. Ist nun an und für sich schon der Grundbesitzer höher belastet
1) Ueber Lage und Verhältnisse des ländlichen Grundbesitzes. (Gotha 1883.)
S. 26 und 53. Die Ideen des sonderbaren Schwärmers sind am besten damit
charakterisirt, daß er den Wechsel bei den „laufenden kleinen Kreditverhältnissen"
als eine „wesentliche" Verbesserung ansieht.