Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Germanistische Abteilung (Bd. 15 (1894))

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Litteratur.

Mittelalter von dem freilich nur local nachweisbaren und in seiner
Reinheit auch nie allgemein vorhanden gewesenen Zustand ausgehen,
dass der Grundherrschaft zwar ein gutsherrlicher Haushalt, aber nicht
eine Gutswirthschaft im Sinne eines landwirtschaftlichen Grossbetriebes
entsprach. Landwirtschaftlicher Unternehmer war nicht der Guts-
herr, sondern seine Hintersassen, er bezog von ihnen kraft seiner
Stellung als Grundherr — „als Civilliste“, könnte man sagen — in
der Hauptsache Naturalabgaben zur Sustentation seines Haushalts und
Dienste mehr persönlicher, als wirtschaftlicher Art. Nur Fragmente
eines eigenen Wirthschaftsbetriebes hatte sich in den früher römischen
Provinzen der dortige Gutsherr erhalten, im Uebrigen hatte der all-
mftlige und unvermeidliche Verfall der grossen Sclavenbetriebe im Ver-
lauf einer Entwickelung, die bereits im 2. Jahrhundert unserer Zeit-
rechnung erkennbar einsetzte, dazu geführt, dass der Bruchteil des
Areals, welchen der possessor in „eigener Regie“ behielt, immer weiter
zusammenschrumpfte, und dieser Process setzte sich noch während und
unmittelbar nach der Völkerwanderung fort. — Im weiteren Verlauf des
Mittelalters aber kehrte er sich in sein Gegenteil um. Unter dem Ein-
fluss der steigenden Ansprüche an die Lebenshaltung wurde der Grund-
herr wieder in höherem Grade Landwirt, seine Unternehmerstellung
verbreiterte sich relativ und absolut, die bisher in der Hauptsache nur
tributpflichtigen abhängigen Wirtschaften wurden zu einer Arbeits-
organisation in seinem Interesse combinirt und es entstand der in seinen
allgemeinen Zügen bekannte, im westlichen Europa wesentlich gleich-
mässige Typus der mittelalterlichen Gutswirthschaft. Der weitere Gang
der Entwickelung war nun aber verschieden. Im Östlichen Deutsch-
land wuchs die Unternehmerstellung des Gutsherrn auf Kosten der
abhängigen Wirtschaften und verschlang schliesslich im Laufe dieses
Jahrhunderts deren grössere Hälfte, indem sie ihre Inhaber zu Land-
arbeitern herabdrückte. Der Gutsherr ist nunmehr, statt wie einst durch
Deputate der abhängigen Wirtschaften sustentirt zu werden, der einzige
landwirtschaftliche Unternehmer und entlohnt umgekehrt seine Arbeiter
in Deputaten. In Frankreich räumte, noch ehe ein solches Stadium der
Ekitwickelung ein treten konnte, die Revolution mit den Gutsherren ge-
waltsam auf. In England dagegen vollzog sich unter dem Einfluss des
frühen siegreichen Eindringens der Geldwirthschaft schon im 13. und
14. Jahrhundert die Auflösung der Frohnhofswirtbschaft in anderer
Form, welche übrigens nach den ansprechenden Untersuchungen Wittichs
(Zeitschr. f. Social- u. Wirthsch.-Gesch. II, 1) in Niedersachsen eine ge-
wisse Analogie findet: der Gutsherr gab seine Unternehmerposition
wieder auf und zog sich auf den Bezug von Geldrenten zurück, damit
die wirthschaftliche und sociale Emancipation der englischen Bauern-
schaft, im weiteren Verlauf freilich auch ihre Depossedirung und Er-
setzung durch die modernen Pächter vorbereitend. Die Frohnhofswirth-
scbaft spielte also in England nur die Rolle eines Intermezzo. Dies
Intermezzo nun — und zwar unter dem „Gesichtspunkt eines solchen —
schildert Vinogradoff. Den Beginn der Umwandlung in die moderne

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