Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Germanistische Abteilung (Bd. 15 (1894))

Litteratur.

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Einmal zeigt nämlich Darguns Arbeit aufs Neue, wie vieldeutig
das Material der Soziologie und Ethnologie ist, und wie überaus vor-
sichtig man bei dessen Verwerthung sein muss. Dieselbe Erscheinung
kann bei den verschiedenen Völkern ganz verschiedenen Ursachen ent-
sprungen sein und eine ganz verschiedene Bedeutung haben. Ein Bei-
spiel genüge. Dargun erwähnt 8.16 N. 2 die bei den Malabaren und
Telugus vorkommende Vermählung von unmündigen Knaben mit er-
wachsenen Weibern, derzufolge jene alles Ernstes als Väter der von
diesen mit andern Männern gezeugten Nachkommenschaft angesehen
werden. Er vergleicht dann — allerdings nur beiläufig und vermuthungs-
weise — Liutpr. c. 129 und schliesst daraus, die physische Vaterschaft
sei ursprünglich nie oder nur ausnahmsweise rechtlich relevante Grund-
lage der Familienorganisation gewesen. Die an erster Stelle angeführte
Thatsache vermag das vielleicht zu beweisen* dagegen sicher nicht das
Kapitel des Langobardenkönigs. Denn es wendet sich, wie der Vergleich
mit andern, nicht weniger bedenklichen Stellen aus Liutprands Gesetzen
ergiebt, einfach gegen eine jener sittlichen Verirrungen, welche die Be-
rührung des rohen Barbarenvolkes mit der überlebten Gultur der Römer
hervorrief, aber nicht gegen eine alte, erst nachträglich anstössig ge-
wordene Sitte.
Sodann dürfte für die Lehre, dass alle Entwickelung durch das
Mutterrecht habe hindurchgehen müssen, geradezu verhängnisvoll jene
Urfamilie werden, deren Existenz bereits Dargun, wenn auch noch
schüchtern, zugiebt und seither das von den hervorragendsten Anthro-
pologen als grundlegend anerkannte Werk der beiden Basler Reisenden
Sarasin über die Bewohner von Ceylon ausser allen Zweifel gestellt
hat. Dargun behandelt allerdings diese älteste Familienverbindung nur
als Vorstufe des Mutterrechts. Dass sie das immer war und sein musste,
hat er aber nirgends bewiesen. Die Naturweddas, die nach den
Sarasin’schen Untersuchungen1) die Stammform der wellighaarigen,
auch die Arier mitumfassenden Rasse darstellen und dem Urmenschen
anatomisch und intellectuell äusserst nahe stehen, leben nicht allein in
strenger, in der Regel nur durch den Tod gelösten Einzelehe mit herr-
schender Stellung des Mannes, sondern sie kennen auch bereits die
Liebe zwischen dem Vater und dem Kind, selbst dem erwachsenen, so-
wie ein Erbrecht des Sohnes, während vom Mutterrecht noch keine
Spur bei ihnen begegnet. Legt das nicht die Annahme nahe, es habe
sich, allerdings wohl vermittelt durch die väterliche Gewalt, das Vater-
recht unter besondern Umständen auch ohne vorangehendes Mutterrecht
entwickelt, es habe aus jener Urfamilie beides hervorgehen können, und
es sei somit beides gleich alt, jedenfalls bei den verschiedenen Stämmen,

J) P. und F. Sarasin, Ergebnisse naturwissenschaftlicher For-
schungen auf Ceylon, Bd. III, Die Weddas von Ceylon und die sie um-
gebenden Völkerschaften, Wiesbaden 1892—93, 8.475 ff. und F. Sarasin,
Die Weddas von Ceylon in den Verhandlungen der naturforschenden
Gesellschaft zu Basel 1892, Bd. X. Heft 2 8.217 ff.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XV. Germ. Abtb.

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