Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Germanistische Abteilung (Bd. 15 (1894))

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Litteratur.

krauen des Mannes die rechtmässige als ihre Mutter betrachteten. Doch
nur selten sank der Mann zum blossen Fortpflanzer des Geschlechtes
herab. Oft erhielt sich der alte Vaterschutz, gelang sogar die Ausbildung
einer väterlichen Gewalt. Das rief dann auf der andern Seite einer
Schutz- und Rachepflicht der männlichen Mutterverwandten und führte
gewöhnlich zu einer Herrschaft des Bruders und vor Allem des Mutter-
bruders.
Nur schwer vermochte daneben der Patriarchat aufzukommen.
Nicht die Verwandtschaft war unter ihm die Grundlage der Familie,
sondern die Gewalt des Mannes über die Frau und die von ihr geborenen,
gleichviel von wem erzeugten Kinder. Diese Gewalt führte zu einer
Hausgemeinschaft, bildete ein eigenes Erbrecht aus und brachte die
Kinder in ein Rechtsverhältniss zu den Vaterverwandten. Für die letztem
entstanden, namentlich bei den Ariern, schon früh eigene Namen. Allein
diese beziehen sich lediglich auf das Gewaltverhältniss und beweisen
darum, wie Dapgun in ausführlicher Polemik gegen die Philologen
Delbrück und Schräder darzulegen sucht, für das Vorhandensein einer
Vaterverwandtschaft vor oder neben der Mutterverwandtschaft gar nichts.
Umgekehrt spricht, da nach den neuesten Ergebnissen der Sprachwissen-
schaft die gemeinsamen Namen für Grossvater, Oheim und Neffe ur-
sprünglich nur den Vater der Mutter, den Mutterbruder und den Schwester-
sohn bezeichneten, nach Dargun das Fehlen besonderer Namen für die
mütterlichen Verwandten nicht gegen, sondern für die Herrschaft des
Mutterrechts in altarischer Zeit.
Nach und nach gewann allerdings der Gedanke der Verwandtschaft
die Oberhand über den der Gewalt. So erwuchs aus dem Patriarchat
in der Regel die Agnation, ein Entwickelungsgang, von dem noch der
römische Satz: pater est quem nuptiae demonstrant deutlich Zeugniss
ablegt. Dagegen brachte nie die Vaterverwandtschaft den Patriarchat
hervor, und ging nie ein Volk vom Vaterrecht zum Mutterrecht über.
Noch lange blieben übrigens Reste des Mutterrechtes neben der
Agnation bestehen, namentlich im Erbrecht, das gerade darum, weil in
ihm (väterliche) Gewaltfolge und (mütterliche) Blutfolge oft merkwürdig
durcheinandergehen, mitunter so schwer zu verstehen ist. Aber auch
die Sätze, dass die Kinder der nämlichen Gewalt unterworfen seien wie
die Mutter, und dass der Stand dieser über den jener entscheide, haben
mit der Ehe ohne Mundium ihre Wurzel im Mutterrecht.
Dies in Kürze der Inhalt der Dargun’schen Untersuchung. Der
Scharfsinn, der aus ihr spricht, die souveräne Beherrschung des ge-
waltigen Stoffes, die sie verräth, und die gefällige Form, in die sie
gekleidet ist, gestalten die Lectüre dieser Arbeit, wohl der letzten des
inzwischen leider verstorbenen trefflichen Gelehrten, zu einem hohen
Genuss und werden ihr gewiss einen nicht weniger grossen Erfolg
sichern als der früheren über „Mutterrecht und Raubehe“. Ob auch
einen durchschlagenden und bleibenden, möchte Referent bezweifeln,
ruft doch auch diese Schrift sofort wieder eine ganze Reihe von Be-
denken hervor. Nur zwei davon sollen hier geltend gemacht werden.

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