Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 21 = 3.F. Jg. 1 (1877))

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Das Ueberhangs- und Ueberfallsrecht.

Maß zurückführen und nur darin fehlen, daß sie in Bezug auf den
Ueberfall Theilung einlreten lassen.
Dieser eingewurzelten nationalen Rechtsanschauung gegenüber
hatte das römische Recht einen schweren Stand und wo man es
nicht ganz aufgeben mußte,50) löste man doch die sich aus ihm er-
gebenden Zweifel^') nach deutschen Grundsätzen, indem man nur die
Selbsthülfe des Nachbars, nicht aber die Pflicht des Baumherrn zum
Weghauen des Ueberhanges anerkannte.
Bei dieser Rechtsentwickelung kann man es nur natürlich finden,
daß die partikulären Gebilde sich die altdeutschen Normen zu be-
wahren suchten. Ganz die Bestimmung des Sachsensp. gilt noch
heut im Gebiete des Herzogthums Gotha53) und war noch vor der Kodi-
fikation im Königreich Sachsen in Uebung, worin auch noch der Ueberfall
dem Nachbar zugesprochen wird^). Ebenso hat sich das österreichische
Gesetzbuch dem altsächsischen Recht angeschlossen55). Andere Rechte
haben sich jedoch in völliger Verkennung des nationalen Gedankens
von ihm entfernt, so der 6oäo civil, welcher dem Nachbar ein Klag-
recht aus Wegschaffung der herüberhängenden Aeste giefct56), so das
jetzige Gesetzbuch des Königreichs Sachsen, welches alternativ ein
Klagerecht oder Selbsthülfe gewährt57).
Das preußische Landrecht spricht in den §§ 285—297 Th. I
Tit. 9 unter dem Marginale: „Vom Pflanzen der Bäume," nicht
etwa von Vorschriften, welche hierbei zu beobachten sind, sondern,
wie man sich schon beim flüchtigen Durchlesen dieser Gesetzesstellen
überzeugen kann, vom Baum an der Grenze zweier Grundstücke,
vom Ueberhang und Ueberfall. Trotzdem ist das Marginale nicht.

50) Zn der Glosse zu Sachssp. II. 52. — Heidelb. Zahrb. 1823 p. 106. 107
wird die Berufung auf L. 1 pr. D. de glande legenda einfach zurückgewiesen.
-') L. 1 § 7 «. 8 D. 43. 27. Mühlenbruch, Pand. I § 462.
52) Hellfeld, jurispr. forens. § 1875. Runde, Pr.R. § 276. Entsch. des Ob.-
Trib. Bd. 30 p. 434.
85) Bruckner, Pr.R. des Herz. Gotha p. 102 § 465.
M) Haubold 1. c. § 362 p. 577 f.
55) § 422: Jeder Grundeigenthümer kann die Wurzeln eines fremden Baumes
aus seinem Boden reißen und die über seinem Luftraum hängenden Aeste ab-
schneiden oder sonst benutzen.
86) Art. 672 — peut contraindre — ä couper les branches. Vom Ueber-
fall schweigt er.
»9 §8 373. 374.

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