Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 60 (1916))

52

Levin.

Verhandlung als tote Form so leichten Herzens selbst von denen preis-
gegeben wird, die sonst nicht scharf genug als das Ziel des bürgerlichen
Rechtsstreits die Ermittlung der Wahrheit zu betonen gewöhnt sind.
Die Frage hat aber für die Rechtspflege noch eine andere,
nicht minder große Bedeutung. Soviel steht fest, daß der münd-
liche unmittelbare Verkehr des (wohlunterrichteten, seiner Fragepflicht
nach allen Richtungen nachkommenden) Richters mit dem (wohl-
unterrichteten, die Sache nach allen Richtungen beherrschenden) An-
wälte die erste und unerläßliche Voraussetzung für die Herstellung
einer Arbeitsgemeinschaft ist, von der eine ersprießliche Rechtspflege
abhängt. 6*) Der schriftliche Verkehr hat von jeher größere Rei-
bungsflächen erzeugt als der mündliche. Der Untergang der öffent-
lichen und mündlichen Verhandlung, sagt Feuerbach, hatte zur Folge,
daß aus den Rednern gelehrte Schreiber wurden, die mit ihrem
Amte im Winkel saßen wie die Richter. Wer es aus eigener An-
schauung erfahren hat, wie förderlich der Sache eine wirkliche münd-
liche Verhandlung unter gründlichster Durchsprechung der Streit-
punkte mit den Anwälten, gegebenenfalls unter Zuziehung der Par-
teien, ist, kann nicht mehr daran zweifeln, daß durch sie allein die
Ermittlung der Wahrheit, das Ideal möglichster Aufklärung des
Sachverhalts, am besten gewährleistet wird. Man sollte daher
Übelstände, die nach den Erfahrungen des Rechtslebens nicht kraft-
voll genug bekämpft werden können, nicht als unabänderliche Tat-
sachen hinnehmen und sie gesetzgeberisch anerkennen, sondern auf
ihre Beseitigung hinarbeiten. Je schriftlicher das Verfahren wird,
um so größer wird die Entfremdung zwischen Richter und Anwalt
werden, und der leidtragende Teil wird die Rechtspflege sein. Der
Verzicht auf die mündliche Verhandlung ist für die Gerichte wie die
Anwälte ein bequemes, aber gefährliches Entlastungsmittel. Den
Anwälten aber ist der Rat zu geben, mit der Einwilligungs-
erklärung höchst vorsichtig zu sein, besonders wenn es sich um un-
angreifbare Entscheidungen handelt. Denn stellen sich Zrrtümer
heraus, die durch persönliche Aussprache beseitigt werden konnten,
so wird der Anwalt einer Regreßklage sicher sein.
2. Die Einschränkung des Tatbestandes.
Auch die Vorschrift des § 24 VO., wonach die Darstellung des
Tatbestandes durch eine Bezugnahme auf den Inhalt der vorberei-

") Vgl. meine Ausführungen IW. 14, 268.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer