Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 60 (1916))

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Droste.

darf (a. a. D.491) und des Kommentars von Reichsgerichtsräten (Anm.
zu § 95 BGB. der 2. Auflage) Verbreitung gefunden. Sieht man
von dem Falle einer entgegenstehenden Vereinbarung der Nachbarn
ab, so stimmen diese Ansichten darin überein, daß der übergebaute
Teil der Giebelmauer zunächst nicht Bestandteil des Nachbargrund-
stücks sei, durch das Anbauen des zweiten Gebäudes aber wesent-
licher Bestandteil dieses Grundstücks und damit Eigentum des Nach-
bars werde, und daß deshalb der Anbauende denjenigen, welcher zur
Zeit des Anbauens Eigentümer des zuerst errichteten Gebäudes sei,
gemäß § 951 BGB. nach den Grundsätzen über ungerechtfertigte
Bereicherung zu entschädigen habe. Weshalb die halbe Mauer nicht
schon vor, wohl aber nach dem Anbauen wesentlicher Bestandteil
des Nachbargrundstücks sei, wird verschieden begründet.
Die rechtlichen Schwierigkeiten haben darin ihren Grund, daß
die auf zwei Nachbargrundstücken errichteten Gebäude so mitein-
ander verbunden werden, daß ihre Berührungsfläche nicht auf der
Grenze zwischen den beiden Grundstücken steht. Wird an ein voll-
ständig auf dem Nachbargrundstücke stehendes, bis an die Grenze
reichendes Gebäude unter Benutzung seiner Giebelmauer angebaut,
so hat das Anbauen eine Eigentumsänderung zweifellos nicht zur
Folge. Wir haben also in diesem durchaus nicht seltenen Falle
das Gebäude ohne eigene Abschlußmauer, welches, wenn die Giebel-
mauer übergebaut war, mit der Anschauung des Verkehrs in
Widerspruch stehen soll.
Es gibt nach § 95 BGB. Gebäude, welche nicht Bestandteile
eines Grundstücks und deshalb als bewegliche Sachen zu behandeln
sind. Setzt man voraus, daß sowohl das bereits bestehende wie das
anzubauende Gebäude bewegliche Sachen sind, so soll durch das An-
bauen ein Bestandteil der einen beweglichen Sache, nämlich die halbe
Giebelmauer, zum Bestandteile der anderen werden. Ein räumlich
begrenzter Teil einer Sache kann Bestandteil einer anderen Sache
nur durch eine Verbindung und eine Abtrennung werden. Die Ab-
trennung kann vor oder nach der Verbindung erfolgen. Soll ein
Stück einer Elsenstange Bestandteil einer anderen Eisenstange werden,
so muß es abgetrennt und mit der anderen Stange verbunden, oder
beide Stangen müssen miteinander verbunden, und nach dieser Ver-
bindung muß der Rest der ersten Stange abgetrennt werden.
Dadurch, daß ein Gebäude an ein bestehendes Gebäude an-
gebaut wird, werden die beiden Gebäude physisch miteinander ver-

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