Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 48 (1904))

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Einzelne Rechtsfälle.

Verwaltung selbst nicht gehandhabt wurden, wenn B. und sein Ge-
hilfe F., wenn sie zur Arbeit zu dem Bahnplanum hin gingen, von
den Bahnsteigschaffnern stets durchgelassen worden waren, ohne daß
sie nach einer Erlaubniskarle gefragt wurden, und dies auch noch
geschah, während der Betrieb schon eröffnet war und Züge auf den
der Arbeitsstelle nahen Geleisen verkehrten, dann muß B. in der Tat
als entschuldigt gelten, wenn er auch an dem Unfallslag ohne be-
sondere Erlaubnis das Bahnplanum betrat, um so mehr, als er in
Begleitung des Architekten H. erschien, der mit einer Erlaubniskarte
versehen war. Würde man aber auch ein Verschulden des B. darin
erblicken wollen, daß er der bahnpolizeilichen Vorschrift zuwider sich
auf das Bahnplanum begab, so würde es an einem ursächlichen Zu-
sammenhänge zwischen diesem Verschulden und dem Unfälle fehlen.
B. hatte an der früheren Arbeitsstelle gemeinschaftlich mit H. eine
noch ausstehende Arbeit vorzunehmen; daß ihm zu diesem Zwecke die
Erlaubnis, das Bahnplanum zu betreten, erteilt worden wäre, wie
sie gleichfalls dem H. für seine Arbeiten erteilt worden war, kann
nicht in Frage gestellt werden; es kann sich vielmehr nur darum
handeln, ob ihm in diesem Falle von der Bahnverwaltung eine Be-
gleitung mitgegeben oder während der Arbeiten eine Wache ausge-
stellt worden wäre. Wie aber dem H. tatsächlich kein Begleiter und
keine Wache gestellt worden ist, würde sie auch dem getöteten B.
nicht gestellt worden sein, und da beide unter den gleichen Verhält-
nissen und zusammen arbeiteten, würde sich der Unfall, wenn B.
im Besitz einer Bahnbetretungskarte war, genau so ereignet haben,
wie er sich ohne die Erlaubnis ereignet hat.
Wenn jedoch das Berufungsgericht auch das dem Getöteten als
Verschulden nicht zurechnet, daß er den sicheren Laufsteig verließ und
sich nach den Geleisen zu bewegte, um das ihm entfallene Bandmaß
wieder auszuheben, so vermochte ihm in dieser Beurteilung der Hand-
lungsweise des Verunglückten das Revisionsgericht nicht zu folgen.
Das Berufungsgericht sagt selbst: daß man einem Gegenstände, der einem
entfallen ist, Nacheile, um ihn aufzuheben, sei eine Handlung, die „fast
unwillkürlich" vorgenommen wird. Dann ist sie also doch nicht ganz
unwillkürlich, und dem Handelnden bleibt die Überlegung frei, ob
er dem fast unwillkürlichen Triebe nachgeben soll oder nicht. Jeder-
mann, der auf dem Fahrdamm einer Straße ein Geldstück oder einen
sonstigen Gegenstand verliert, wird sich hüten, ihn aufzuheben, wenn
in demselben Augenblick ein Wagen naht, und von einem Menschen,

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