Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 40 = 5.F. Jg. 5 (1896))

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Literatur.

so scheint das Urtheil der zweiten Kommission über den Werth der
terminologischen Vorschläge des Verf. nicht vereinzelt zu sein.*)
Der zweite Entwurf soll sodann zwar manche allzu üppigen Blüthen
des Doktrinarismus des ersten Entwurfes abgeschnitten haben, aber doch
„in der Tiefe seiner Seele doktrinär geblieben sein", „seine Gedanken-
welt nicht unmittelbar aus dem Leben, sondern aus dem System ge-
schöpft", „den Versuch nicht aufgegeben haben, durch schulgerechte Be-
griffsentfaltung zu einer lückenlosen Reihe von Rechtsformeln zu ge-
langen, die im Voraus jeden möglichen Fall entscheiden." Im Gegen-
sätze hierzu verlangt der Verf. von einem guten Gesetzbuchs
schlichte, klare, kernhafte Rechtssätze, die sich in einfacher Größe dem
Volksgemüth einprägen und der Rechtsanwendung eine feste Grund-
lage sichern, ohne ihre freie Entfaltung zu hemmen, aus denen sich
nicht das Ergebniß für jeden Fall im Voraus errechnen läßt, die
aber wirkliches, blühendes organisches Leben erzeugen.
Aehnlich hatte G. bereits in der gegen den ersten Entwurf ge-
richteten Schrift das ihm vorschwebende Ideal eines Gesetzbuchs ge-
zeichnet. An diesem Ideal hat Planck im Archiv für die civilistische
Praxis Bd. 75 eine Kritik geübt, die von allen Kundigen als der Be-
achtung in hohem Maße werth gehalten wird. Da G. diese Kritik
gänzlich ignorirt hat, so wird er sich nicht beschweren können, wenn
gegen die erneute Zeichnung seines Ideals auf die Planck'schen Aus-
führungen verwiesen wird. Darauf darf ich mich um so mehr be-
schränken, als es doch ohnehin nur seltsam berühren kann, wenn ein
Gesetzbuch getadelt wird, weil es sich „bemühe, seine Rechtssätze
möglichst lückenlos zu gestalten, und weil es eine Fülle technischer
Kunst aufwende, damit allen Zweifeln und Unsicherheiten durch pein-
liche Genauigkeit vorgebeugt werde", und wenn andererseits diejenige
Gestaltung der Rechtsnormen als „klar und kernhaft" gepriesen
wird, aus welcher man nicht im Voraus ermessen kann, zu welchem
Ergebniß ihre Anwendung im einzelnen konkreten Falle führen werde.
Zu bedauern ist dabei, daß G. es nicht unternommen hat, seine
Auffassung von der Gesetzgebungskunst durch ein Musterbeispiel zu
illustriren, einen einzigen kleinen Abschnitt des Gesetzbuchs in einer
Fassung vorzulegen, die „blühendes organisches Leben erzeugt." Nur
an einer einzigen Stelle der vorliegenden Schrift verbindet er mit dem
Tadel einen Gegenvorschlag. Prüfen wir ihn! Der § 1951 der
Reichstagsvorlage (1953 des Entwurfes zweiter Lesung) lautet:
Ist die Nachlaßverwaltung angeordnet oder der Nachlaßkonkurs er-
öffnet, so gelten die in Folge des Erbfalls durch Vereinigung von

*) Wie volksthümlich diese Terminologie ist, ergiebt folgender Vor-
gang. In dem Manuskripte waren die Worte „Were" und „mundschaftlichen"
ganz deutlich geschrieben. In der Druckerei wußte man damit aber so wenig
anzufangen, daß in der Meinung, es liegen Schreibfehler vor, gesetzt wurde
„Waare" und „vormundschaftlichen".

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