Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 37 = 5.F. Jg. 2 (1893))

438

Literatur.

er eine solche sehr wohl verdiente. So birgt sich, wie wir sahen, auch
in des Verfassers „Prinzip" ein Satz, der für die römischen Verhältnisse
eine Wohlthat war und für die heutigen eine Plage geworden ist, ohne
daß dies von ihm erkannt wird. Freilich ist zu befürchten, daß auch
das bürgerliche Gesetzbuch in diesem Punkte unter dem Drucke einer
übermächtigen herrschenden Meinung nicht weiter kommen wird, als er
gekommen ist. Darum braucht aber die Hoffnung nicht aufgegeben zu
werden, daß später doch einmal die Besitzesklagen zu der quarta Falcidia
und Verwandten in das Gebiet der Rechtsalterthümer hinüberwandern
werden.
Zm Vorstehenden blieb eine terminologische Eigenthümlichkeit der
Schrift znnächst unerwähnt. Der Vers, wendet das Wort „Benützen"
in demselben weiten Sinne an, in dem andere von „Besitzen" reden.
Nach seiner Ausdrucksweise benützt man unter Umständen auch Bücher,
die man nicht liest, Zimmer, die man nicht bewohnt, Gärten, die
man nicht betritt, überhaupt alles, was man in seinen vier Pfählen hat,
mag es auch daselbst unberührt vermodern. Bei der Beurtheilung dieser
Redeweise dürfen wir nicht vergessen, daß es keine deutsche Akademie
giebt, welche der Verwendung der einzelnen Ausdrücke Schranken an-
legen darf. Allerdings fehlt es in dieser zügellosen Freiheit nicht an
despotischen Schulmeistern, die Jeden mit einem Verdammungsurtheile
belegen, der nicht ebenso redet und schreibt, wie sie. Um ihr Beispiel
nicht nachzuahmen, mag auch der soeben geschilderten eigenartigen Ver-
wendung eines viel gebrauchten Wortes die Berechtigung nicht abgesprochen
werden. Ehe sie uns aber nicht durch die Gesetzessprache ausgenöthigt
ist, muß es Jedem unbenommen bleiben, sie um der Mißverständnisse
willen, welche sie nahelegt, zu vermeiden.
Neben dem Hauptgegenstande der Schrift, von dem bisher die Rede
war, steht noch eine Fülle beachtenswerther verwandter Ausführungen.
Als besonders treffend erscheint dem Berichterstatter das, was über den
Zusammenhang von Besitzesschutz, Beweislast, Ersitzung und Verjährung
gesagt wird und sich nach seiner Meinung nahe mit feinen eigenen An-
schauungen berührt, die er in den Verhandlungen des 16. Deutschen
Juristentages Bd. I. S. 241 ff. veröffentlicht hat. Die Einleitung ist
vorwiegend durch ihre methodologischen Bemerkungen von Interesse. So
bespricht der Vers. S. 15 Jherings bekannte Mahnung, das Recht nicht
aus den Begriffen, sondern aus den Zwecken herzuleiten. Hierzu be-
merkt S., daß überall da, wo etwas Zweckwidriges aus einem Begriffe
gefolgert wird, schon in der Fassung des Begriffes ein Fehler gesteckt
haben muß, daß dagegen in der folgerichtigen Verwendung eines fehlerlos
gefaßten Begriffs niemals ein Jrrthum stecken kann. Im Uebrigen be-
kennt sich auch der Verfasser zu der von Jhering vertretenen Herleitung
des Rechtes aus seinem Zwecke mit der Versicherung, sie nicht erst von
Jhering entlehnt zu haben. Dabei wird er aber (ebenso wenig wie
dieser) bestreiten wollen, daß es in der Regel einem Kampfe wider-
streitender Zwecke entstammt, welcher im Rahmen einer geschichtlichen
Nothlage entschieden wird und vom Standpunkte des Sittlichkeitsgebotes

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer