Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 46 (1902))

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Einzelne Rechtsfälle.

sei. Zumal unerwachsenen Leuten sollte daher der Gebrauch von
Schußwaffen nur an Orten, die dafür besonders angelegt seien, ge-
stattet werden. Ein solcher Ort sei indeffen der Garten des Be-
klagten schon wegen seiner örtlichen Lage inmitten von Wohnstätten
nicht. Weiter komme aber auch noch die gewählte Art der Auf-
stellung der Scheibe wesentlich in Betracht. Die jungen Leute hätten
in der Richtung nach der Gartenmauer geschossen; schon hierdurch sei
Veranlassung gegeben gewesen, daß unter Umständen eine Schrot-
kugel, die vielleicht nur in ganz geringer Höhe über die Scheibe hin-
weggegangen sei, bei der weiteren Verfolgung ihrer Flugbahn eine
solche Höhe erreichte, daß sie über die etwa 2,4 na hohe Gartenmauer
noch hinwegflog. Dadurch, daß sich der Beklagte dies Alles nicht
genügend vergegenwärtigt habe, obwohl er dazu nach seinem Bil-
dungsgrad und seinem Berufe sehr wohl im Stande gewesen sei,
habe er bei der Ausübung seiner Aufsichtspflicht fahrlässig, also
schuldhaft gehandelt. Auch der Umstand, daß sich der Unfall in Folge
einer ganz besonderen, nicht ohne Weiteres voraussehbaren Kompli-
kation von verhängnißvollen Vorkommnissen ereignet habe, schließe
das Moment der Fahrlässigkeit nicht aus. Zn dieser Hinsicht genüge
es schon, daß der Beklagte sich bei pflichtmäßiger Ueberlegung habe
sagen müssen, daß durch das ihm gebilligte Schießen die Personen,
die sich im angrenzenden Grundstück aufhielten, gefährdet seien und
verletzt werden könnten. Dagegen sei es nicht erforderlich, daß er
sich alle möglichen Gefährdungsfälle einzeln vorzustellen vermocht
habe. Der Beklagte hätte das Schießen um so gewisser verbieten
müssen, als dabei zugleich ein Verstoß gegen § 367 8 des Str.G.B.
in Frage gekommen sei. Schließlich verneint das Berufungsgericht
die Anwendbarkeit des § 254 des B.G.B., da bei der Entstehung
des Schadens ein Verschulden des Klägers nicht mitgewirkt habe.
Die Revision macht demgegenüber Folgendes geltend. Ob ob
jektiv das vom Sohne des Beklagten benutzte Gewehr als ein
Schießwerkzeug im Sinne von § 367 * des Str.G.B. anzusehen sei,
darauf komme es, da das angefochtene Urtheil nicht auf diese Gesetzes-
stelle in Verbindung mit § 823 Abs. 2 des B.G B. gestützt sei und
nicht habe gestützt werden können, weil Beklagter selbst nicht geschossen
habe, für die Beurtheilung des allein entscheidenden Entlastungs-
beweises gemäß des B.G.B. § 832 nicht an, sondern nur darauf,
ob der Beklagte das Gewehr als Schießwerkzeug im Sinne jener
strafrechtlichen Bestimmung angesehen habe oder doch bei pflicht-

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