Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 26 = 3.F. Jg. 6 (1882))

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Ueber argumentum a contrario.

stehen, z. B. Lohndirnen sind in gewissen Fällen zeugnißunfähig.'8)
Der gesuchte Schluß wird sich vielmehr nur dann mit Nothwendig-
keit ergeben, wenn die Gültigkeit anderer partikularer Urtheile neben
derjenigen des gegebenen Urtheils ausgeschlossen ist; wenn also die
ausgesprochene Beziehung zwischen Prädikat und Subjekt nur zwischen
diesem Prädikate und diesem Subjekte stattftndet. Daß aber
eine Beziehung zwischen Prädikat und Subjekt stattfinde, daß also
das Prädikat zeugnißfähig sein beziehentlich zeugnißunfähig sein dem
Subjekte Weib überhaupt zu komme, wird freilich von vorn-
herein vorausgesetzt. Deshalb kann man auch niemals aus dem
gegebenen Satze auf die Zeugnißfähigkeit der Weiber, d. h. der
Gattung Weib schließen,'Z sondern nur auf die Zeugnißfähigkeit
der nicht wegen Ehebruches kriminell verurtheilten Weiber oder
aller anderen Weiber, mit Ausnahme der wegen Ehebruchs kriminell
verurtheilten.-o) Die Disjunktion liegt hier also im Subjekte, und
der zu suchende Obersatz, der die kontradiktorische Disjunktion ent-
halten soll, würde hiernach lauten: Entweder die wegen Ehebruchs
verurtheilten oder die nicht wegen Ehebruchs verurtheilten Weiber
sind zeugnißunfähig (Entweder A. oder B. ist C.). Aus diesem
Obersatze und dem gegebenen Untersatze: die wegen Ehebruchs ver-
urtheilten Weiber sind zeugnißunfähig (A. ist C.) folgt nach dem
Grundsätze des ausgeschlossenen Dritten mit logischer Nothwendigkeit
der Schlußsatz: Also sind nicht zeugnißunfähig die nicht wegen Ehe-
bruchs verurtheilten oder alle anderen, mit Ausnahme der wegen
Ehebruchs verurtheilten Weiber (Also ist nicht C.: B.).
Zn formeller Hinsicht läßt sich gegen die Richtigkeit dieses arg.
a contr. gewiß nichts einwenden, wohl aber in materieller. Und
hier hat grade die wissenschaftliche Prüfung des Kritikers einzusetzen.
Nicht jeder Begriff oder jedes Urtheil läßt sich zum Bestandtheile
einer kontradiktorischen Disjunktion machen. Wie es Begriffe und
Urtheile giebt, die überhaupt einen kontradiktorischen Gegensatz nicht

13) Vgl. L. 3 § 5 D. de test. 22,5.
i*) Wie dies Paulus nach dem Wortlaute der L. 18 D. 22,5 angenommen
zu haben scheint: Ex eo quod prohibet.... colligitur, etiam mulieres testi-
monii in judicio dicendi jus habere.
20) So auch richtig Ulpian: Mulier testimonium dicere in testamento
quidem non poterit, alias autem posse testem esse mulierem, argumento est
lex Julia de adulteriis, quae adulterii damnatam testem produci, vel dicere
testimonium vetat.

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