Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 25 = 3.F. Jg. 5 (1881))

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Literatur.

sprechen, wenn sich aus diesem Ausdrucke nur nicht die bedenklichsten
theoretischen Jrrthümer ergeben würden.
Daß man bei der modernen Auffassung des Besitzwillens dem römischen
Begriffe der po88688io pro alieno, dem Besitze unter Anerkennung eines
fremden Eigenthums, nicht gerecht werden kann, kann nicht auffallen, und
so sagt auch Bekker hinsichtlich des im römischen Recht unzweifelhaft an-
erkannten Besitzes des Faustpfandgläubigers und Prekaristen S. 181:
„Nur die Unfertigkeit des Zustandes, in dem wir das römische Recht
überkommen haben, trägt schuld daran, daß die beiden letztgenannten in
demselben nicht ausdrücklich als Rechtsbesitze anerkannt sind."
Wir glauben dem gegenüber behaupten zu müssen, daß die römischen Juristen
sich dessen sehr wohl bewußt waren, was sie thaten.
Da der Besitz nur das unvollkommene Recht körperlicher Herrschaft
ist und nur im Umfange der beanspruchten körperlichen Herrschaft mit dem
Eigenthume sich deckt, das letztere aber noch eine Anzahl rechtlicher Be-
ziehungen in sich begreift, so ist von selbst der Fall gegeben, daß zwar
Jemand in den vollständigen Besitz, nicht aber in die gedachten rechtlichen
Beziehungen eintreten will, d. h. mit anderen Worten, daß Jemand Besitzer
sein kann, ohne Eigenthümer sein zu wollen. Hiernach steht auch die Logik
auf Seiten der Römer, und die modernen Theorien haben kaum mehr für
sich, als die rein schematische Vorstellung, daß die Besitzrechte streng nach
der Theilung von Eigenthum und jura in re zu sondern seien.
Der Annahme eines vollständigen Besitzes unter Anerkennung eines
fremden Eigenthumes steht auch der Umstand nicht entgegen, daß durch
Gesetz oder Vertrag einzelne bestimmte Befugnisse wieder herausgelöst werden.
Denn bei seiner Beurtheilung hat man stets davon auszugehen, daß der
Besitz an sich vollständig und nur soweit beschränkt ist, als die einzelnen
Befugnisse herausgelöst sind. Es ist dies dieselbe Vorstellung wie beim
Eigenthume, aus dem die jura in re ausgeschieden werden. Dabei wollen
wir Bekker und der herrschenden Schule gern konzediren, daß man vielleicht
für eine einzelne Art der possessio pro alieno von der Auffassung aus-
gehen könnte, als wenn von Anfang an nur ein unvollständiges Besitzrecht
gegeben wäre. Dies aber haben die Römer, und wir glauben, in bewußter
Absicht nicht gethan.
Es besitzt an sich vollständig der Faustpfandgläubiger, und war es
nach römischer Vorstellung um so nothwendiger, ihm einen derartigen Besitz
zuzusprechen, da er bei Nichtzahlung der Pfandschuld in der Lage sein
mußte, die Sache zu verkaufen und den vollständigen Besitz dem Käufer
zu tradiren. Für die Gegenwart mag man mit der Annahme eines unvoll-
ständigen Besitzes auskommen, soweit das selbständige Verkaufsrecht des
Gläubigers aufgehoben ist. Der an sich vollständige Besitz des Faustpfand-
gläubigers war nur insofern beschränkt, als er nach Zahlung der Schuld
auf Herausgabe hastete und folgeweise die Sache nicht vernichten oder
beschädigen durfte, auch wurde die po88688io behufs Fruchtgenusses der
Regel nach preeario auf den Schuldner zurückübertragen, 1. 6 de pre-

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