Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 25 = 3.F. Jg. 5 (1881))

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Literatur.

nur das Zusammentreffen von corpus und animus, nicht das gleichzeitige
Auftreten derselben.
Bei unserer Auffassung sind die 1. 55 D. de A. R. D. und die
1. 18 § 2 de poss., die Schmerzenskinder der modernen Theorien, die auch
Bekker für sehr bedenklich erachtet, durchaus der Regel entsprechend. Nach
römischem Recht war es erlaubt auf fremdem Gebiet zu jagen, Prokulus
sagt daher in der 1. 55 3). 1. c. es komme nicht darauf an, wo die Falle
gestellt sei, in publico, in privato, in meo, in alieno. Weshalb die
herrschende Schule und auch Bekker das Gesetz so interpretirt, als ob es
gerade auf alle diese Umstände ankommen solle, trotzdem der Jurist aus-
drücklich erklärt „videamus ne intersit", können wir uns auch gegenwärtig
nur aus dem unrichtigen Besitzbegriffe Savigny's erklären. Es soll viel-
mehr nur darauf ankommen, ob die custodia, eine gewisse gesicherte Ge-
walt, deren Vorhandensein Thatfrage ist, hergestellt ist:
„summam tamen banc puto esse, ut si in raeam potestatem per-
venit, meus factus est."
Der zum Besitzerwerbe gehörige Wille hat seinen genügenden Ausdruck
bereits dadurch gefunden, daß die Netze zum Fangen derartiger Thiere, wie
des gefangenen Ebers, gelegt sind. Von einer weiteren Handlung des Er-
werbers oder auch nur von dem Bewußtsein des Fanges ist gar keine Rede.
Unsere Interpretation der 1. 18 § 2 v. de poss. ergiebt sich hiernach
von selbst, und begnügen wir uns darauf hinzuweifen, daß in ihr die Hand-
lung des Erwerbers mit den klarsten Worten für unerheblich erklärt wird:
„quamquam id nemo dum attigerit."
Wenn nun aber Bekker es für genügend zu erachten scheint, daß der
Vorbesitzer die Grube gegraben oder die Eisen gelegt hat, in denen sich
das Wild gefangen, oder sogar, daß die Grube eine natürliche sei u. s. w.
(S. 184), wenn er dahin gelangt, das vorbereitende Thun, das absichtliche
„laqueos ponere" und das „deponere jubere" des Besitzerwerbers für
überflüssig zu erachten, so dürfte er wohl nicht bloß den Sinn der 1. 55
D. de A. R. D. und der 1. 18 § 2 de poss. verkennen, sondern auch
gegen das Grundprinzip der römischen Besitzlehre verstoßen, wonach das
Zusammentreffen von corpus und animus erfordert wird. Indem er freilich
wenigstens das Bewußtsein des Erwerbers für nothwendig erachtet, mag er
an den Fall ad 3 gedacht haben, in welchem der Besitzwille zur custodia
erst später hinzutritt, aber das Erforderniß des Bewußtseins, diese Verflüch-
tigung des Besitzwillens, scheint uns überhaupt von der modernen Schule
nur eingeschmuggelt zu sein, um einigermaßen die widerstrebenden römischen
Entscheidungen in das System hineinzudrücken. Römischen Ursprungs ist
dies Erforderniß überhaupt nicht.
Dagegen ist zuzugeben, daß die Frage, ob der Wille schon vor der
Entstehung der custodia genügenden Ausdruck gefunden hat, lediglich
Thatftage ist und nach den Umständen des einzelnen Falles beurtheilt
werden muß.

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