Full text: Volume (Bd. 14 (1904))

Merkel, Die rechtliche Natur des menschlichen Leichnams. 679
Endemann 1, 231 Anm 4: „Aus den sittlichen Anschauungen ent-
scheidet sich auch, wie weit eine gültige Verfügung über den eigenen Leich-
nam, die an sich zulässig ist, getroffen werden kann."
Co sack 1, 143: . Der Leichnam ist ... Sache und kann
Gegenstand dinglicher Rechte sein."
Matthiaß 8 38 S 130: „. .. abgetrennte Teile des Körpers sind
rechtsfähig, ebenso der Leichnam."
Dernburg, Bürgerliches Recht 3, 3 Nr 4: „Der Leichnam des
Menschen ist Sache. Der Lebende kann ihn, wie man annehmen darf, im
voraus als künftige Sache zu wissenschaftlichen Zwecken aus den Todes-
fall, insbesondere an Anatomien veräußern. Im übrigen ist er herrenlos,
aber auch der willkürlichen Aneignung entzogen; Erben insbesondere dürfen
den Leichnam ihres Erblassers nicht okkupieren und verhandeln, das wäre
gegen die guten Sitten."
Warum aber der Leichnam eine Sache ist, sagt keiner!
Sache im juristischen Sinne ist nach 8 90 des BGB ein körperlicher
Gegenstand, „ein Stück der unsteten Natur", das als. selbständiges Rechts-
objekt anerkannt wird — nicht Wirtschaftsobjekt, wie Regelsberger
in seinen Pandekten Bd 1 8 96 meint.
Also Objekt von Rechten muß eine Sache sein! Die Tatsache nun,
daß am Leichnam Privatrechte unmöglich sind/ weist schon darauf hin,
daß der Leichnam keine Sache ist. Und dafür sprechen auch gewichtige
philosophische und ethische Momente.
Der Körper des lebenden Menschen ist zivilrechtlich Rechtssubjekt,
niemals Rechtsöbjekt. Der Wille zum Leben, dessen Inkarnation, deffen
sichtbare Verkörperung der Leib ist, gibt den Dingen der ihn umgebenden
Welt der Erscheinungen ihre Namen, bezeichnet sie als Sachen. Das Me-
dium, durch das er in dieser Welt der Erscheinungen erst wirkend aus-
treten kann, den menschlichen Leib, wird er nie als Sache bezeichnen
können, er müßte sich denn in Gegensatz zu sich selber stellen wollen, denn
Leib wie Geist sind Wille, der Leib als Erscheinung, der Geist als Ding
an sich, und dieser Wille ist einer und unteilbar.
Oder reden wir mit der Mbel: „Gott schuf den Menschen ihm zum
Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn." Persönlichkeit gab uns Gott, sein
Bild drückte er unserm sterblichen Leibe aus, dürfen wir diesen geheiligten
Körper den anderen Dingen gleichstellen, denen erst der Mensch Namen ge-
geben hat, die er erst geformt hat?
Was einmal „Person" gewesen ist, kann nicht zur Sache werden, ein
Schimmer von Persönlichkeit, Scheinpersönlichkeit, bleibt auch dem Leich-
1 Man könnte so weit gehen, zu sagen, daß am Leichnam selbst überhaupt
keine Rechte möglich sind — oder gibt es ein einziges zivilrechtlich geschütztes Rechts-
geschäft an Leichen?

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