Full text: Volume (Bd. 14 (1904))

Begriff der Fahrlässigkeit. 8 276 des BGB.

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Unglücklicherweise suchte man zunächst den eingedrungenen Kalk durch Aus-
waschen mit Wasser zu entfernen, was zur Folge hatte, daß der Kläger
auf dem Auge erblindete. Die für ihn erhobene Schadenersatzklage wurde
in allen Instanzen abgewiesen; das Reichsgericht sprach aus:
Das Berufungsgericht nimmt in Übereinstimmung mit der ersten In-
stanz die Ursächlichkeit der Handlung des Beklagten für die eingetretene Ver-
letzung des Klägers an und billigt die Ansicht des Landgerichts, daß der
Beklagte nicht nachweisbar fahrlässig gehandelt habe. Es führt aus, daß,
wenn die Fahrlässigkeit ganz allgemein die Beachtung der im Verkehr er-
forderlichen Sorgfalt erfordere, auch den Eigentümlichkeiten des Einzel-
falles und insoweit auch der Berücksichtigung der Person des Betreffenden
Spielraum gelassen werden müsse. Nach seiner Ansicht würde es selbst
bei einem erwachsenen Menschen bedenklich sein, die Voraussehbarkeit der
eingetretenen Rechtsverletzung anzunehmen; um so viel weniger könne dies
aber bei dem elfjährigen Knaben der Fall sein. Mit der Verneinung der
Frage nach dem Vorliegen einer Fahrlässigkeit auf seiten des Beklagten
entbehre die auf 8 823 des BGB gestützte Klage ihrer Begründung. Ent-
behrlich sei hiernach die Prüfung, ob der Beklagte nach 8 828 des BGB
bei der Begehung der schädigenden Handlung die zur Erkenntnis der Ver-
antwortlichkeit erforderliche Einsicht besessen. Liege auf seiten des Beklagten
eine Fahrlässigkeit nicht vor, so sei auch der in 8 829 des BGB gestützte
Eventualanspruch nicht begründet.
Die Revision macht geltend, die Frage der Einsicht des Beklagten sei
nicht ausreichend geprüft. Der Beklagte habe gesehen, daß der Kalk zurück-
gespritzt sei. Müßte bei einem Großjährigen Fahrlässigkeit angenommen
werden, so müßte der Beklagte nach 8 829 des BGB Schadenersatz leisten.
Die Revision konnte nicht als begründet erachtet werden.
Der Maßstab der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt ist im Sinne
des Gesetzes allerdings insofern ein objektiver, als die Eigentümlichkeit des
einzelnen weder zu seinem Nachteil noch zu seinen Gunsten für die Ent-
scheidung, ob er ihr genügt, in die Wagschale fällt. Das kann aber nicht
dazu führen, daß alle Menschen in allen Lebenslagen der gleichen Be-
urteilung unterliegen. Die Verschiedenheit ganzer Gruppen von Menschen
nach Alter, Bildung, Lebensstellung usw. führt notwendig zu einer Ver-
schiedenheit des gemeinsamen Maßstabes der an gewisse Menschen unter
gewissen Verhältnissen anzulegen ist (vgl. Windscheid-Kipp, Pandekten,
8. Aufl. Bd 2 8 101 Anm. 8; Schollmeyer, Recht der Schuldverhält-
nisse S 100; Co sack, Lehrbuch des Deutschen Bürger!. Rechts, 3. Aufl.
1, 238). Inwieweit die Altersstufe und Entwicklung eines elfjährigen
Knaben in der Prüfung der erforderlichen Sorgfalt neben der Frage der
Sachs. Archiv für Bürgerl. Recht. XIV. 5

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