Full text: Volume (Bd. 18 (1858))

Zur Lehre von den Kirchenlasten. 67
kirchenrechtlicher Zustand geschaffen wird, welcher, wie zweckmäßig
oder unzweckmäßig, und woher auch immer entlehnt, das unabhän-
gige positive Recht der betreffenden Kirchengemeinden bildet. —
Sind unsere Bemerkungen über die Cautelen richtig, welche frei
Ableitung der Dinglichkeit der Kirchenlasten aus den erwähnten
Rechtsvorgängen anzuwenden sind, so schwinden allerdings die Merk-
male, aus denen die Dinglichkeit mit Zuversicht zu finden ist, gar
sehr zusammen. In den bei weitem meisten Fällen, wo auf den
ersten Blick der dingliche Charakter sehr überzeugend scheint, verliert
sich dieser bei schärferem kirchenrechtlichem Zusehn, und es hört die
Nöthigung auf, eine anomale Rechtsbildung anzuerkennen, deren An-
stößigkeit in früheren Zeiten bei territorial resp. local streng geschie-
dener Religionsübung der verschiedenen Kirchen sich weniger fühlbar
machte, die übersetzt mit der steten Zunahme confessionell gemischter
Bezirke in ihrer das Rechtsbewußtsein verletzenden Eigentümlichkeit
mehr und mehr hervortritt. Es scheint eine recht dankenswerte
Leistung der Wiffenschaft zu sein, wenn sie sich im Stande zeigt,
mit ihren Mitteln rechtliche Scheingebilde aufzulösen, die — wie
hier — aus einer Verschlingung und Verknotung organisch geson-
derter und in ihrer Sonderung zu erhaltender Verhältnisse sich er-
geben Haben. Freilich steht hierbei der Wissenschaft nur das Mittel
der Auseinanderlegung zu Gebote; nur so kann sie den verschiedenen
Organismen Licht und Lust zu ihrem Wachsthum schaffen. Doch
pflegt dieses Mittel für den Rechtszustand heilsamer und jedenfalls
ungefährlicher zu sein, als die Handanlegung der Legislation, sie
möge nun einfach wegschneiden, oder — was viel schlimmer ist —
dem Scheingebilde ein wirkliches Leben einzuhauchen versuchen.
VIII.
Bei alledem muß zugestanden werden, daß manche prak-
tische Interessen der Dinglichkeit der Kirchenlasten das Wort reden,
und leicht könnte, wenigstens in kleineren Gebieten, nach deren
Eigenthümlichkeit die ebenfalls sehr praktischen Uebelstände dieses
fehlerhaften Princips sich vorläufig noch gar nicht oder nur schwach
gegen den anscheinend überwiegenden Nutzen bemerklich machen, die
Gesetzgebung zu einer ausdrücklichen Anerkennung des dinglichen
Charakters sich bewogen finden. Der Weg dazu ließe sich mit der
Erwägung bahnen, daß die Gesetzgebung in ihrem Berufe handle,
wenn sie ihrerseits die principielle Frage dahin gestellt sein lasse,
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