Full text: Volume (Bd. 18 (1858))

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Osenbrüggen:
heißt es in der Öffnung von Kyburg: „und das uff die selben
Personen nit bringt", in der Baseler L.O.: „und er das nicht er-
weisen kann mit sieben unwidersprochenen Männern", und ganz
ähnlich in den sonstigen schweizerischen Quellen. Diese Auffassung
tritt durchweg hervor in den Quellen des deutschen Mittelalters wie
des älteren germanischen Rechts: „si convincere eum non potuerit“,
„si non probaverit“ etc. vgl. Sachsensp. I. 50 §. 1, Rechtsbuch
nach Dist. IV, 23,15. Es ließ sich zwar in vielen Fällen daraus,
daß jemand die Wahrheit seiner Anschuldigung nicht gerichtlich er-
härten konnte, der Rückschluß auf die Böswilligkeit seiner Beschuldi-
gung machen (Edictum Rotharis 9 s. oben S. 182), aber doch nicht
nothwendig, und auf das Objektive kam es eben an, ob er seine
Behauptung proeessualisch durchfübren konnte oder nicht. Ein merk-
würdiger Rechtsfall aus dem XV. Iahrh. zeigt, wie weit bisweilen
die Consequenz hinsichtlich der Talion bei nicht vollständig durch-
geführter Sache ging 32).
Ein reicher Bürger von Breslau, Hans Rintffeisch, reiste seines
Handels wegen nach Polen. Als er in der kleinen Stadt Ploczk
(Ploezkow) im Wirthshause eingekehrt war, entwendete ihm der
Wirth 500 Ducaten. Er belangte diesen wegen des Diebstahls
gerichtlich. Aus Furcht vor der Marter bekannte der Wirth die
That und erbot sich das gestohlne Geld wieder herauszugeben.
Dieß und sonst nichts weiter verlangte auch der Gast; allein die
Richter und die Schöppen der Stadt drangen darauf, daß ihren.
Gesetzen ein Genüge geschehe, welche forderten: daß der Kläger
den Dieb mit den Händen an den Galgen henken, oder, wenn er
sich dessen weigerte, selbst vom Diebe gehenkt werden sollte, wofern
der dazu bereit wäre. Welches der Wirth den Augenblick zu thun
auf sich nahm. Da der Gast dieß hörte, war er vor Schrecken
ganz außer sich, bat aufs Innigste ihm doch diese Schande zu er-
lassen und bot ihnen das ganze gestohlne Geld an, wenn sie ihn
nur ohne Schimpf lebendig fortließen. Richter und Schöppen der
Stadt aber erwiederten, sie dürften wider ihr Recht und Gesetz nichts
thun. Da sah sich Hans Rintfleisch in die traurige Nothwendigkeit

32) Sam. Benj. Klose, Darstellung der inneren Verhältnisse der Stadt
Breslau vom I. 1458 bis zum I. 1526, herauög. voü Stenzel im
dritten Bande der Lcriptores rorum Kilesiacarum (1847).

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