Full text: Volume (Bd. 18 (1858))

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Die Lalion im altdeutschen Rechte.
dem göttlichen Gesetze. Aber das göttliche Gesetz, für eine andere
Zeit und ein anderes Volk gegeben, wurde nur oberflächlich aufge-
faßt. Das müssen wir wenigstens annehmen, wenn die betreffende
Darstellung des mosaischen Rechts bei den neuesten Bearbeitern
desselben richtig ist. Daß das alte Compositionensystem durch die
Reception der Talion nicht außer Kraft gesetzt wurde, diese viel-
mehr an die Stelle der subsidiären Privatrache treten sollte, zeigt
das oben angeführte österreichische Landrecht, in welchem die Talion
bei der Tödtung nur als eine eventuelle hingeftellt ist, so daß die
Composition noch primo loco da stand, im Falle der Unfähigkeit oder
Weigerung die Buße und Wedde zu zahlen erst die Talion ein-
treten sollte. Dafür sprechen auch mehrere der im §. 2. anzufüh-
renden Stellen, welche die Talion bei Körperverletzungen behan-
deln. In den anderen oben genannten Stellen, welche die Talion
bei dem Todschlage mit dem Bilde „bar gegen bar" bezeichnen, ist
aber schon eine andere Auffassung. Die Talion ist dort nicht sub-
sidiär, sondern daß „Leben gegen Leben" hingegeben werde, erschien
als eine gerechte Strafe. Allein, wenn sie angewendet werden
sollte, sah man doch, daß sie als Prinzip durchgeführt der Gerech-
tigkeit nicht entspreche, daher hatte sie nur eine vorübergehende
Geltung. Sehr belehrend ist in dieser Beziehung das oben S. 175
aus den züricherischen Rechtsqucllen Angeführte. Der Art. 16* ist
eine Novelle zum Nichtebrief, welcher die Talion nicht kannte, und
in den angeführten Randglossen zu den späteren Rathsverordnungen
haben wir zuverlässige historische Zeugnisse, daß die Talion nur
eine ephemere Geltung auf dem Papier hatte.
§. 2. Auf die Talion bei Körperverletzungen bezieht sich eine
Reihe von Quellenzeugnissen, von denen mehrere dieselbe ausdrück-
lich auf das mosaische Recht zurückführen.
I. Stadtrecht von Ens 1212. §. 5: „Si autem aliquis civium
alicui amputaverit manum vel pedem vel oculum vel nasum vel
aliquod tale membrum, judici pro pena det decem talenta, illi qui
dampnum recepit totidem. Si vero is qui dampnum fecit denarios
habere non poterit, judicetur de ipso secundum legem, oculum pro
oculo, manum pro manu et sic de ceteris membris. — §• 7: Item
quicunque alteri amputaverit digitum, vel ita vulneraverit, quod
detrimentum membrorum patiatur, judici det tria talenta, illi qui
dampnum pertulit tria. Si vero denarios habere non poterit, eodem
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