Full text: Volume (Bd. 10 (1846))

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Das Recht zur Beweisführung.
in der Person des Beklagten. Er hat das Recht, den Beweis zu-
nächst für sich in Anspruch zu nehmen, als der Angegriffene, dem
sein Geld, Ehre, Leben abgewonnen werden soll. Aber er muß
es auch. Er kann nicht verzichten auf dieß Recht, um den Gegner
zum Beweis kommen zu lassen 252). Will er nicht beweisen 253),
oder was meist dasselbe ist, schwören 254), so liegt darin ein Ein-
geständniß, wodurch er den Prozeß verliert. Auch dieser dem römisch
gebildeten Juristen so auffallende Satz fließt mithin ganz natürlich
aus der deutschen Rechtsanschauung her.
Der Unterschied des römischen Rechts liegt hier auf der Hand.
Der Beweis ist darin nur eine Last, die man übernehmen muß,
wenn man seine Behauptungen stützen will, die der Angegriffene

Kläger beweisen lassen will, so das; das Vcrhältniß dem römisch-
rechtlichen sich nähert. Eigenthümlich tritt dieß hervor in einem
besondern Fall, den die Magdeburger Schöffen behandeln in II. ca>>. 2.
dist. 4 n. 5.
252) Einen Zweifel gegen diesen Satz entscheiden die Magdeburger
Schöffen sehr bestimmt in unserm Sinn in der interessanten II. eap.io.
dist. UN.
255) Eine Ausnahme macht nur die Schuld nach todter Hand, bei
welcher der Erbe sich erinnern lassen kann, d. h. den Kläger zum
Beweis kommen lassen. Vgl. oben §. 8.
254) Daher der Kläger im deutschen Recht auch gleich von vorn herein
statt jedes andern Mittels von seiner Seite, ans den Eid des
Beklagten provociren kann (daher das in den Lübischen Ober-
hofsnrtheilen mehrfach vorkommende: to edes Hand leygen,
von Seiten des Klägers an den Beklagten. Michelsen Urth. 55.
111. 150.), zu welchem dieser gezwungen ist. Vom römischen
Standpunct aus gesehen erscheint mithin in solchen Fällen der s. g.
Unschuldseid des Beklagten im deutschen Prozeß als ein Mittet
des Klägers, die Wahrheit aus dem Beklagten heranszubringen,
oder wie die Criminalisten des 17. Jahrhunderts sich ausdrückten:
als ein Wahrheitserforschungsmittel. Rach der Reception des
römischen Rechts verschmolz in Civilsachen der Unschuldseid zum
Theil mit dem römischen juramentum delatum, znm Theil war er
die Grundlage des richterlichen Reinigungseides; in Criminal«
fachen wurde er erst als medium emendae veritatis in die römische
Beweistheorie eingeführt, bis ihm neuerdings die alte Idee eines
Rechts des Angeschuldigten von Neuem vindicirt worden ist.

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