Full text: Volume (Bd. 10 (1846))

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Planck:
weismittel, einstweilen abgesehen von dem Gerichtszeugniß, ist zu-
nächst soviel klar, daß die Frage, welche Parthei zuerst zu beweisen
habe, über einen Vorzug, nicht über eine Last der zuerst Berufenen
entschied. Denn der zu führende Beweis bestand ja in weiter nichts
als in der feierlich wiederholten Behauptung, daß die Sache sich
so verhalte, wie die Parthei früher angegeben: im Eide. Die Frage
nach der Reihenfolge der Beweise war mithin identisch mit der
Frage, wer zuerst zur Ausübung seines Rechts, sein Wort als das
wahre der richtenden Versammlung aufzudringen, kommen solle.
Dabei machte cs auch keinen Unterschied, ob der Eid mit oder ohne
Gezeugen zu leisten war. Denn ursprünglich war ja damit nur
eine Verschiedenheit Ln der Art der Eidesleistung gegeben. Und
diese Grundansicht erhielt sich lange bis in die Zeit hinein, wo
schon für manche Fälle die Gezeugen eine etwas veränderte Bedeu-
tung erhalten hatten. Das Recht also, nicht die Last des Beweises,
oder was dasselbe ist, das Recht zum Eide war aber von um so
größerer Wichtigkeit, als mit dem abgeleisteten Eide die Sache ent-
schieden war, und ein Gegenbeweis nicht zugelassen wurde. Natür-
lich; denn die Leistung des Eides ist ja vielmehr die Ausübung eines
Rechts, als die Bewahrheitung einer Thatsache. Der Schwörende
verlangt, daß man sein Wort als wahr annehme; dieser Forderung
haben sich seine Genossen unterworfen dadurch, daß sie ihm den
Eid zuerkannten.
Wer ist nun zunächst zum Eide berufen? oder wie sich die
Quellen ausdrucken, wer ist näher zum Eide? Die Antwort
darauf ist: der Angegriffene. Vor allen Dingen muß indeß
davor gewarnt werden, unter dem Angegriffenen sich den Beklagten
zu denken. Nicht die Partheirolle im Prozeß entscheidet die Frage,
wer der Angegriffene sei, sondern die Stellung der Partheien zu
dem streitigen Gegenstände. Diese Stellung wird aus ihren eigenen
Angaben entnommen werden können und müssen. Erst wenn diese
Stellung nach den beiderseitigen Behauptungen eine gleiche ist, kann
der Umstand des Besitzens einen entscheidenden Einfluß gewinnen.
Zn diesen Sätzen ist die altsächsische Theorie des Rechtes zum
Beweise enthalten. Sie sollen nunmehr einzeln etwas näher aus-
geführt werden.
Dass zunächst der Angegriffene zum Beweise, oder was dasselbe
ist, zum Eide zugelaffen wird, scheint im Allgemeinen sehr begreif-

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