Full text: Volume (Bd. 10 (1846))

202 Dahlmann:
wirklich von dem Angeklagten herausgegeben sei, sondern zugleich
mit völliger Freiheit über die Frage, ob die Schrift wirklich ein
Libell, also gesetzwidrig sei; und so sind sie in diesem Betracht
ihrer ursprünglichen Quelle wieder näher gerückt und erinnern an
die altdeutschen Schöffen, welche als Rechtskundige berufen wurden^).
Blicken wir nun noch einmal auf die Lebensschicksale der nor-
wegischen und dänischen Geschworenen, neben den auf dem gleichen
germanischen Grunde gewachsenen englischen, vergleichend zurück,
so zeigt sich deutlich, daß jene nicht dadurch gefallen sind, daß das
norwegische oder das dänische Volk sich überzeugte, es sei rathsamer,
daß in peinlichen Sachen von ständigen Richtern und Gelehrten aus
den Acten erkannt werde, sondern dadurch, daß unter jenen beiden
Völkern die politischen Institutionen zu Grunde gingen, welche die
nothwendigen Träger einer volksfreundlichen Gerichtsverfassung sind.
In demselben dreizehnten Jahrhundert, welches in England die Cri-
minaljury zuerst als zarte normännische Pflanze, von der angelsäch-
sischen Rügejury schützend überdacht, hervorrief, neigten sich in Norwe-
gen und Dänemark die Geschworenen schon mehr dem Verfalle zu. Als
ferner jene sich, auf neuerschaffene Friedensrichter gestützt, ein ausge-
dehnteres Gebiet eroberte, stellte sich im Norden schon Beengung und
Verkümmerung ein. Daß die nordischen Geschworenen endlich ganz
verloren gingen war denn freilich in Dänemark die Folge jener
alle Landesehre niederdrückenden Adelsherrschaft, welche zuletzt in
ein anderes Ertrem, die königliche Unumschränktheit umschlug; da-
hingegen Norwegen hauptsächlich durch das Absterben aller aristo-
kratischen Elemente die nöthige Widerstandskraft nach Außen verlor
und zu einer Provinz von Dänemark herabsank. Allein außer die-
sem allgemeinen Grunde treten doch auf die beiden skandinavischen
Völker einige specielle Gegensätze des Verhaltens England gegen-
über hervor. Das englische Volk hängt, seit es einmal den Werth
seiner Geschworenen erkannt hat, unerschütterlich an drei alten Ue-
berlieferungen, der Heiligkeit ihrer Zwölfzahl, ihrer Einstimmigkeit,
ihrer Berufung bloß für den einzelnen Fall, oder, wie wir neuer-
dings lieber sagen, ihrer Verjüngungsfähigkeit in jedem einzelnen
Falle durch ein höchst ausgedehntes Verwerfungsrecht; alle tempo-

52) Bien er in v. Savigny's Zeitschrift a. a. O. S. 104. Vgl. Mit-
termaier a. a. O. Th. II. S. 547 ff.

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