Full text: Volume (Bd. 10 (1846))

Begriff des gemeinen deutschen Rechts. 177
die Partikularrechte sind also nur formell selbstständige Schöpfun-
gen im Gebiete des fortwährend sich entwickelnden gemeinen deut-
schen Rechts. Am Ende gibt auch Wächter scheinbar alles hieher
Nöthige zu, wenn er sagt (S. 241). „Unsre Strafgesetzbücher in
Deutschland sind ein Kind ihrer Zeit; der neueste Standpunkt der
deutschen Wissenschaft hat sie hauptsächlich erzeugt, und diese Wis-
senschaft fußte zum größten Theile auf dem gemeinen
Rechte. Deßhalb bleibt die letzte Bildungsstufe des gemeinen Rechts,
die dasselbe durch Wissenschaft und Praxis erhalten hatte, nicht
nur historisch, sondern auch als nothwendige Einleitung in das Stu-
dium der Partikularrechte und in Vielem als Hülfsmittel zu Erklä-
rung und Auslegung derselben von Wichtigkeit."
Damit hängen aber zwei, wie mir scheint, nachtheilige Miß-
verständnisse zusammen: 1) geht Wächter davon aus/ daß das
gemeine Recht in dem Zustande zu fassen sei, worin sich dasselbe
durch die Wissenschaft und Praxis befunden habe vor 1806. War-
um die Wissenschaft und Praxis dasselbe setzt nicht mehr sollen fort-
bilden können, ist nicht einzusehen: denn beide sind ja forthin thä-
tig, und jetzt unterstützt durch einen literarischen Verkehr, wie er
zu keiner Zeit statt hatte. 2) Will Wächter diesem gemeinsamen
Rechte keine gemeinrechtliche Gültigkeit zuerkennen, indem er behaup-
tet, daß die Wissenschaft des Strafrechts jetzt überhaupt nur Be-
deutung habe als Einleitung in das Studium der Partikularrechte,
nicht als selbstständige Wissenschaft mit dem Character eines Subsi-
diarrechts. Er stellt sich also auf den Standpunkt, welchen Hu-
feland **) seiner Zeit im Privatrechteinnahm, nur daß Hufeland
ihn nach der Natur unserer Quellen schon vor 1806 begründet fand,
während Wächter bis dahin ein juristisch-gemeines Recht ohne
Bedenken zugiebt. Wir haben kaum noch zu erinnern, daß vor
Auflösung des Reichs das Strafrecht im Wesentlichen ganz auf den-
selben Grundlagen stand wie jetzt: denn die peinliche Gerichtsord-
nung ward durch die Praxis größtentheils außer Gebrauch gesetzt.
Zwar waren von einzelnen Ländern damals nur wenige mit be-
sondern Gesetzbüchern versehen; allein gerade dieß waren die um-
fassendsten deutschen Staaten. Wenn übrigens allgemeine Gültig-
keit zum Begriff des gemeinen Rechts gefordert würde, so müßte
dieses selbst zur Zeit der Entstehung der Karolina (1532) in Ab-
19) S. darüber Pd. 9. S. 355. dieser Zeitschrift.
Zeitschrift f. deutscheö Recht >u. Band. H. >. 12

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