Full text: Volume (Bd. 10 (1846))

156

Reyscher:
das common law selbst gilt den für dasselbe begeisterten Engländern
als vollendetes Vernunftrecht (perfection of reason) oder wie der
Lordkanzler Ellesmere sagte, die gemeinen Rechte Englands be-
ruhen auf dem göttlichen Rechte, dehnen sich auf das ursprüngliche
natürliche Recht, das allgemeine Recht der Nationen aus und sind
ihrem Ursprünge nach keine lege« scriptae 7).
Die leztere Bemerkung ist nicht so zu nehmen, als ob der Ursprung
in alten geschriebenen Gesetzen bei dem gemeinen Recht ausgenom-
men wäre. Nicht blos alte Statutenrechte, welche aber keine un-
mittelbare Anwendung zulassen, sondern auch römisches und kanoni-
sches Recht, so weit solche eingedrungen sind, lassen sich als Grund-
lage des common law Nachweisen; zu welchem nur das aus den
Originalien jetzt noch entnehmbare geschriebene Recht (the statute
law) sowie das römische und kanonische Recht (civil law, canon law)
an sich einen Gegensatz bilden. Gerade diese Auffassung scheint mir
nun aber in zweifacher Beziehung beachtenswerth für die Lehre des
gemeinen Rechts in Deutschland zu sein: 1) in Hinsicht auf die Stel-
lung unsres gemeinen Rechts zu den Rechtsdenkmälern des Mittel-
alters, welche wohl zur Erklärung des heutigen Rechts dienen, nicht
aber unmittelbar anwendbar sind, 2) in Hinsicht auf die Stellung
zu den fremden Rechten, welche nur in soweit Theile des gemeinen
Rechtes bilden, als sie in unser Gewohnheitsrecht übergegangen
sind. Dägegen ist unser Begriff des gemeinen Rechts von dem
englischen in so fern verschieden, als jener zu dem geschriebe-
nen Reichörecht wissenschaftlich keinen Gegensatz bildet (dieses viel-
mehr mit begreift), wohl aber zu den Sonderrechten der einzelnen
Länder, Orte und Familien, welche in unsrer Rechtssprache
Statutarrechte genannt werden, wiewohl auch aus ihnen Zeug-
nisse für die gemeinrechtliche Natur eines Instituts hervorgehen
können.
Wie früher in England, so war auch in Deutschland die Reichs-
gesetzgebung wenig thätig. Um so größer dagegen der Neichthum
an partikulärer Gesetzgebung. Diese Besonderung des Rechts in
Deutschland, welche bis jetzt immer zugenommen hat, hängt zusam-

7) G. Crabb's Geschichte des englischen Rechts, nach dem Eng-
lischen bearbeitet von Schaffner. Darmstadt 1839. S. 1-5.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer