Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 7 (1842))

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Unget
Auf das Daseyn einer Aehnlichkeit in der Rechtsentwickelung
der Römer und Deutschen — wenn es sich auch nicht aus allgemei-
nen Gründen vermuchen ließe — würde schon der Umstand aufmerksam
machen, daß die Rechtsgeschichten beider Völker mit Gesetzbüchern
anfangen und mit Gesetzbüchern schließen, während diejenigen Gesetz-
bücher, welche den Anfang machen, einen ganz eigenthümlichen und
bei beiden Völkern in vieler Hinsicht ähnlichen Charakter an sich
tragen. Mit diesen Gesetzbüchern der letzter» Art muß auch unsre
Betrachtung beginnen. Es sind dies die zwölf Tafeln bei den Rö-
mern, bei den Deutschen dagegen die sogenannten legea barbaro-
rum, als die lex 8aliea, klixuariorum, Alamannorum, Lajuvariorum
u. s. w. Das römische, wie das fränkische Reich waren beide durch
Eroberung von einem kleinen Volksstamme ausgegangen, und fin-
gen beide frühe an, den politischen Mittelpunkt des Abendlandes zu
bilden. Um die Zeit, da diese Reiche durch langwierige innere und
äußere Stürme sich hindurch gekämpft und eine entschiedene Selbst-
ständigkeit erlangt hatten, wurden jene Gesetzbücher verfertigt, und
in ihnen ist das erwachende Selbstbewußtseyn eines Volkes zu er-
kennen, das die eigenen Zustände anschauen, und derWillkühr, we-
der der Herrschenden, noch der Beherrschten, einigen Raum lassen
will. In ihnen hatten daher jene Völker Grundlagen, auf denen
die folgenden Zeiten getrost fortbauen durften.
Um diese Bedeutung jener Gesetzbücher nachzuweisen, müssen
wir ihre Errichtung, Form und Inhalt einer nähern Betrachtung
unterziehen. Diese Gesetzbücher waren nämlich, so weit wir von
ihrer Entstehung Nachrichten haben, von einer besonders berufenen
Versammlung erfahrener Männer verfaßt, welche nicht etwas Neues
schaffen, sondern nur das, was sie aus ihrer Erfahrung als Recht
kannten, durch die Schrift festftellen und etwa hin und wieder ver-
bessern sollten. Sie brachten diese Rechtssätze in ein gewisses Sy-
stem, oder vielmehr unter gewisse Rubriken, ohne daß dabei an
wissenschaftliche Bearbeitung auch nur im Entferntesten gedacht wer-
den dürfte. Daher kann es auch nicht verwundern, daß sich sehr
bald Mängel und Unrichtigkeiten ergaben, die in den meisten jener
leges durch Nachträge ergänzt oder verbessert wurden. — Ihr In-
halt trägt überall die Zeichen einer höchst eigenthümlichen Nationa-
lität an sich, die nur spärlich einen Einfluß fremder Rechte gestattete,
demungeachtet aber selbst in den besondersten Fällen nicht selten eine

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