Full text: Volume (Bd. 9 (1899))

Rüger, Aus dem Erbrechte des Deutsch. B.G.Ä.'s. 497
befindet, wird im Allgemeinen so angesehen, wie wenn gegen ihn der Anspruch
rechtshängig gemacht wäre (§ 2024).
Zu erwähnen bleibt noch eine Eigenthümlichkeit, die mit dem Besitzrechte
des Gesetzbuchs zusammenhängt. Im Sachenrechte ist bestimmt, daß der Besitz
ohne Weiteres auf den Erben übergeht (8 857). Dieser Satz ist im Grunde nur
eine Fiktion; denn es ist einleuchtend, daß der kraft Gesetzes sich vollziehende Erb-
schaftserwerb dem Erben die thatsächliche Gewalt über die Erbschaftssachen (8 854)
nicht notwendig zu verschaffen braucht, ja in der weitaus größten Mehrzahl der
Fälle nicht verschaffen wird. Aber jede Fiktion rächt sich, und so auch hier. Denn
wenn man den Satz, daß der Erbe der. Besitz von dem Erblasser ohne Weiteres
überkommt, ohne Einschränkung ließe, so würde sich verbotener Eigenmacht Jeder
schuldig machen, der eine Erbschaftssache in Besitz nimmt, auch derjenige, welcher
. in gutem Glauben sich selbst für den rechtmäßigen Erben hält. Das Gesetz hat
sich deshalb genöthigt gesehen, hier, wie schon bei der Auskunftspflicht (8 2027
Abs. 2) zu unterscheiden zwischen dem durch die Erbfolge überkommenen Besitze
und der thatsächlichen Besitzergreifung durch den Erben. Die Haftung wegen ver-
botener Eigenmacht trifft den gutgläubigen Erbschaftsbesitzer nur dann, wenn der
' Erbe den Besitz der Sache bereits thatsächlich ergriffen hatte (8 2025 Satz 2).
Ob der Erbe seine Rechte mit der Erbschaftsklage oder mit den erbschastlichen
Einzelklagen geltend machen will, ist seinem Ermessen anheimgestellt. Der Beklagte soll
aber der Einzelklage gegenüber nicht ungünstiger gestalt sein, wie wenn er mit der
Erbschaftsklage belangt wäre. Seine Haftung bestimmt sich nur nach Maßgabe
der Grundsätze über den Erbschastsanspruch (8 2029). Dieser Satz ist schon im
sächsischen Gesetzbuche (8 2318) enthalten, dort aber aus den gutgläubigen Erb-
schaftsbesitzer beschränkt. Das Gesetzbuch dehnt ihn auf alle Erbschaftsbesitzer aus.
14. Erbschein.
Es dient naheliegenden Verkehrsintercssen, wenn es eine Einrichtung giebt,
die es dem Erblasser ermöglicht, sich durch die Vorlegung einer amtlichen Urkunde
als Erben zu legitimiren. Diesen Zweck erfüllt das Erbberechtigungszeugniß, der
Erbschein, wie ihn das neue Gesetzbuch (88 2353 flg.) bezeichnet. Das Bedürfniß
für den Erben, sich durch ein solches Dokument jeder Zeit auf leichteste Art aus-
weisen zu können, tritt besonders stark hervor bei der gesetzlichen Erbfolge. Während
bei der Erbfolge aus Testament oder Erbvertrag die Legitimation des Erben in
vielen Fällen aus diesen Urkunden allein hervorgeht, bedarf es bei der gesetzlichen
Erbfolge noch des Nachweises anderer, den Eintritt derselben bedingender Voraus-
setzungen, eines Nachweises, dessen Beibringung in jedem einzelnen Falle dem
Erben nicht zugemuthet werden kann, wenn man nicht dem Verkehr die lästigsten
Fesseln auferlegen will. Deshalb kennen wohl fast alle in Deutschland geltenden
Rechte den Erbschein. Cs ist aber gewiß kein bloßer Zufall, daß beinahe alle
diese Rechte den Erbschein auf die gesetzliche Erbfolge beschränken; eine Ausnahme

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