Full text: Volume (Bd. 20 (1861))

5. Der Urhab oder Anlaß

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III.
Der Urhab oder Anlaß.
Von
Eduard Dfenbrüggen.

An die in neuester Zeit mit besonderer Vorliebe behandelte Lehre
von der Nothwehr lehnt sich daS rubricirte Thema an, welches
vornemlich in den ala man Nischen Rechten sehr sorgsam ausge-
bildet ist, und, wenn auch eng verknüpft mit dem Friedensrechte,
daS bei der Entwickelung der Staatsidee zurücktreten mußte, uns
auf eine so kerngesunde Grundanschauung alter Zeit führt, daß eS
eine Berücksichtigung in der Gegenwart wohl verdient.
Die Neigung der Menschen im Mittelalter zu Gewaltthätig-
keiten konnte nicht durch Friedensgebote und Kampfverbote unter-
drückt werden, aber man trat den Friedensstörungen auch auf in-
direktem Wege entgegen und die diesem Zwecke dienenden Mittel
waren mit Umsicht gewählt, die sich auch darin zeigt, daß man die
Begriffe deS Zeitalters mit Schonung behandelte, selbst wenn sie
Collisionen mit der Rechtsordnung herbeiführten. Von dem „Fiat;
justitia, pereat mundus!“ war man weit entfernt.
Die Geschichte der Blutrache in der Schweiz *), wo sich ihre
Spuren weit über die Zeit hinaus erhielten, welche man im All-
gemeinen als die Grenze des Mittelalters und der Neuzeit anzu-
sehen pflegt, zeigt uns, wie die Obrigkeit auf Grundlage der An-
erkennung der Familienrache der blutigen Ausübung derselben ent-
gegenwirkte und durch Vermittelung einer Thädigung der beider-
seitigen Familien eine Brücke baute von der Rache zum Recht. Die
Festigkeit der Familienverbindungen und die Stärke des Familien-
bewußtseins, in welchen die Familienrache wurzelte, waren Stützen

1) Meine deutschen RechtSalterthümer aus der Schweiz Nr. 2.

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