Full text: Volume (Bd. 20 (1861))

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Thudichum:
spannen sich dann auf dem Reichstag weiter; ja es kam zuletzt zu
einer solchen Spaltung, daß volle fünf Jahre (von 1780—1785)
gar keine Berathungen mehr gehalten wurden. So verlief also
die hochgepriesene Verbesserung des Rechtswesens im Sande. Kaiser
Joseph II. war über die Hindernisse, die sich seinen guten Absichten
entgegenstellten, verstimmt und entmuthigt, und wandte seine Auf-
merksamkeit von nun an fast allein den Angelegenheiten seiner Erb-
staaten zu, wo er freilich bald nicht bessere Erfahrungen machen sollte.
Diese Visitation ist uns noch dadurch denkwürdig, daß sich da-
mals Goethe zu Wetzlar aufhielt, um den kammergerichtlichen Proceß
daselbst zu erlernen, wie dieß angehende Juristen häufig zu thun
pflegten. Er gibt in seinem Leben Nachrichten über diesen Aufent-
halt, und auch einen kurzen, trefflichen Abriß der Geschichte des
Kammergerichts.
Außerdem ist zu bemerken, daß der Visitationsschluß von 1775
den Beisitzern das Schriftstellern durchaus untersagte. Keiner solle
in Zukunft von ihm verfaßte Bücher, namentlich solche, welche die
Rechtsprechung des Kammergerichts beträfen, herausgeben dürfen.
Ausnahmen hiervon sollten nur nach dem Ermessen des Kammer-
richters stattfinden, und nur für solche Werke, welche keine Fort-
setzung oder weitere Nacharbeit erforderten. Der Zweck dieser Be-
stimmung war, die* Beisitzer zu nöthigen, ihre Zeit nicht Neben-
arbeiten, sondern ihrem Richteramt zu widmen; aber sie mußte doch
auch viele nachtheilige Wirkungen äußern, und über die Rechtspre-
chung des Kammergerichts, die man doch seither aus den Werken
von Cramer und andern einigermaßen kennen gelernt, völlige Fin-
sterniß decken.
Im Jahre 1775 war durch Reichsschluß festgesetzt worden, daß
acht neue Assessoren angenommen und die Kammerzieler entsprechend
erhöht werden sollten. Eine Anzahl von Ständen bezahlte auch
„mit ununterbrochenem reichspatriotischem Eifer" ihre Zieler; aber
die meisten zeigten die alte Saumseligkeit. Das Kammergericht
wandte sich gleich im Jahre 1777 und noch mehrmals an den „groß-
mächtigsten und unüberwWlichen" Kaiser, und bat um Antreibung
der Stände; aber fünf Jahre vergingen, ehe der Kaiser die Schrei-
ben nur an's Reich brachte. Endlich im Jahre 1782 traten die
acht neuen Assessoren ein. Aber was war die Folge dieser Ver-
mehrung der Arbeitskräfte, und der vielen, von der Visitation und

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