Full text: Volume (Bd. 20 (1861))

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Thudichum:
wählt worden waren, schneidet ihm der I.R.A. von 1654 §. 36
nun ab, und läßt ihm nur den dritten, nöthigt ihn also, mit großen
Kosten und Verzug seine Klage zu beweisen, während der Be-
klagte ruhig zusieht und keine Hand rührt, und nur mit seinen Ein-
reden, wenn er welche hat, ausgeschlossen wird. Dieser Grundsatz,
der auf den Ungehorsam eine Belohnung setzte, mußte natürlich die
schlimmsten Folgen äußern; dennoch blieb er bis zum Ende des
Kammergerichts in Geltung, während alle Prozeßordnungen der
einzelnen deutschen Länder schon früh von ihm zurückkamen und
Ungehorsam mit Annahme des Geständnisses straften.
Die liebe Schriftlichkeit war eine andere Klippe,' an der auch
der emsigste Fleiß der Richter scheitern mußte. Man denke an das
schlechte, durchschlagende Papier des 17. und 18. Jahrhunderts;
an die so in die Länge gezogenen Buchstaben, daß kaum vierzig
Worte auf die Seite kamen, und viele Satzperioden sich auf die
zweite und dritte Seite fortsetzten. Wie sehr erschwerte dieß das
Lesen und Ausziehen der Schriften. Und nun der Umfang mancher
Akten! In einem Prozeß zwischen Oettingen und Nördlingen wur-
den 827 Urkunden vorgelegt, 684 Zeugen verhört, deren Aussagen
einen Rotulus von 10,864. Blättern ergaben. Eine Relation dar-
aus war natürlich keine Kleinigkeit, und wenn sich der Referent
dabei gar etwas unbehülflich anstellte, so kam ein Ungeheuer von
Relation zu Tage, deren Vortrag einen Senat nicht blos Wochen,
sondern mehrere Monate lang beschäftigtes9). Alle andern Sachen
mußten dann warten; oft waren Relationen Jahr und Tag aus-
gearbeitet, ehe den Referenten die Reihe traf sie vorzutragen, was
manchem Beisitzer Mismuth erwecken mußte. Mehr als sechzig
Sachen ließen sich im Jahr nicht abthun, folglich nicht halb so
viel, als jährlich neu hinzukamen 60).
Warum nahm man aber neue Sachen an, ehe die alten, deren
nach Goethe im Jahr 1767 an 20,000 waren, ihre Erledigung ge-
funden L Man wollte die Nachrede vermeiden, daß am Kammer-
gericht Recht nicht zu haben sei, — „damit zu Beschreyung des
Gerichts nicht Ursach geben werde," wie das Concept der K.G.O.
von 1613 1, 22 sich ausdrückt. Man mußte aber auch besorgen,

59) Häberlin, 2, 354.
60) Goethe, Wahrh. und Dichtung.

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