Full text: Volume (Bd. 20 (1861))

Reichskammergericht. 193
gericht hat sich selbst hierüber verschiedentlich beklagt; in einem an
den Kaiser gerichteten Schreiben vom 3. März 1719 äußerte eS:
„An einigen andern Orten macht man auch kein Bedenken, wann
von hiesigem höchsten Gericht ihrem Begehren nicht gefüget, oder
etwas nicht Gefälliges erkannt wird, alsobald von Entziehung oder
Aufenthalt der Zahlung zu sprechen." Selbst bei den geringfügig-
sten Gelegenheiten griff man zu diesem Mittel. Als das Kammer-
gericht im Jahr 1779 den vom Kurfürsten von Sachsen präsentirten
Consulenten Donauer im Eramen durchfallen ließ, verlangte der
Kurfürst nochmalige Zulassung desselben zum Eramen, und drohte
im Weigerungsfall mit Einhaltung der Kammerzieler — eine Schre-
ckung, durch die sich das Gericht jedoch dießmal nicht irre machen
ließ 5I)» Als 1753 ein Leser auf der Kanzlei gegen den andern den
Degen zog, und ihn verwundete, so verbot der Kurfürst von Mainz
dem Angeklagten, wie den als Zeugen vorgeforderten sonstigen Kanz-
leipersonen bei Strafe der Amtsentsetzung, sich vor der Kammerge-
richtlichen Untersuchungs-Commission zu stellen; und als das Kam-
mergericht sie hierzu mit Geldstrafe, zuletzt mit Verhaftung anhalten
wollte, ließ der Kurfürst es wissen, daß er, bis er deßhalb Ge-
nugthuung erhalte, keine Kammerzieler bezahlen, vielmehr die Leser
wegen der beigetriebenen Geldstrafe aus seinen Kammerzielern ent-
schädigen werde. Das Gericht wußte sich keinen Rath, als den
Vorgang an die Reichsversammlung zu berichten.
Das Gerichtshaus zu Wetzlar.
Nicht besser als mit der Besoldung der Richter gieng es mit
der Erbauung eines neuen Gerichtshauses zu Wetzlar. Von 1693
an hielt das Kammergericht eine Zeitlang seine Sitzungen in dem
alten städtischen Rathhaus. Allein nicht blos war dieses baufällig;
es fehlte auch an einem Aufbewahrungsort für die große Masse
von Akten. Ein großer Theil derselben lagerte noch zu Frankfurt
und an andreren Orten in schlechter Verwahrung und „gleichsam halb
vermodert"; es fehlte an allen Verzeichnissen darüber, so daß die
Parteien oft selbst mit bedeutenden Geldopfern ihre Aufsuchung
nicht bewirken konnten; von ihrer Verbringung nach Wetzlar konnte
nicht die Rede seyn, solang nicht dort ein paffender Raum dafür

51) Reuß, Beitr. 1, 8.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer