Full text: Volume (Bd. 4 (1840))

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Wilda:

der treffliche Justus Möser8) dagegen, ,,daß es Unrecht sei, das
Volk zu zwingen, seine Ansicht über den Flecken, der an der unech-
ten Geburt haftet, aufzugebcn, weil der Vorzug, ans einem reinen
Ehebette erzeugt zu sein, Allen heilig sein müsse." Er meint, das;
seit zehn, zwanzig Jahren in manchen Ländern für die Huren und
deren Kinder mehr geschehen sei, als in tausend Jahren für alle Ehe-
gemahlinnen und Ehegattinnen und Ehegcnossinnen; und wenn gleich
Natur, Menschheit und Menschenliebe laut dafür gesprochen haben,
die armen, unschuldigen Früchte einer zwar verbotenen, aber alle
Zeit verführerischen Liebe von allem Vorwürfe zu befreien, so sei
doch die unpolitische Philosophie des Jahrhunderts, die ihre Macht
dabei zeige, es sei wiederum die neumodische Menschenliebe, die sich
auf Kosten der Bürgerliebe erhebt u. s. f. — Wird man aber, wenn
Dieck^), der zur Unterstützung seiner Theorie über die Mantelkin-
der die Anrüchtigkeit der Unehelichen so früh als möglich aus der
deutschen Rechtsansicht verbannt wissen möchte, dieser Aeußerung
Möser's eine andere des bekannten Institutionen - Commentators
Höpfner, als ,,eines Mannes, der sein Zeitalter kannte und begrif-
fen habe", gegenüberstellt, wohl zu dem Glauben sich bestimmen
lassen, daß Justus Möser weder die Rechtsüberzeugung, die sei-
ner Zeit im Volke lebendig gewesen, gekannt, noch die eigentlichen
Bedürfnisse begriffen und blindlings ,verjährten Vorurtheilen" ge-

heben wollen," und es soll mindestens zeigen, „daß die Concipientem deS
Reichsschlustcs, wie es die Bildungsstufe, welche Deutschland in den neue-
sten Zeiten einnahm, wirklich auch forderte, an eine Unehrlichkeit der
außerehelich Erzeugten kaum noch glaubten." Davon liegt aber nichts
in dem Gesetz; es bestimmt: es soll „der erstgemeldete Unterschied" —
nämlich der, welchen man bei den unehelich Erzeugten darnach hat
machen wollen, ob sie vor oder nach der priesterlichen Copulation ge-
boren — „aufgehoben sein;" und cs sollten die ersteren sowohl als die
letzteren und die durch Rcscript Legitimirten, „die aus jetzt-besagt-einen
oder andern lange legitimirten Mans- oder Weibspersonen, wegen Zu-
lassung zu denen Handwerken einander gleichgeachtet und denen selben
nichts mehr in den Weg gelegt werden." Die Nothwendigkeit der Legi-
timation wurde also noch, um den Makel der unehelichen Geburt zu til-
gen, vorausgesetzt.
8) I. Möser, patr. Phantasien, Nr. 33. (neue Ausl. 1778), Bd. 2.
S. 163 ff.
9) Di eck, Beitr., S. 42.

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