Full text: Volume (Bd. 4 (1840))

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Wilda:

wickelungsgang des kanonischen Rechts selbst begründete Ursachen,
theils äußere, die durch die Stellung der Kirche zu den Völkern,
unter denen sie aufgerichtet war, hervorgerufen waren, mit dazu
gewirkt haben, jene eigenthümliche Erscheinung zu erzeugen.
Vielleicht möchte der erste und allgemeinste Grund wohl schon
darin zu suchen sein, daß das kanonische Recht sich mehr dahin nei-
gen mußte, jedes Versprechen, welches eine Gewissensverpflichtung
erzeugte, auch als vollkommen bindend anzusehen, wenn gleich
im Staate, wo die Rücksicht auf die allgemeine Rechtssicherheit
vorwaltete, die Rechtsverbindlichkeit oft von der Beobachtung einer be-
stimmten Form abhängig gemacht werden muß, wie es namentlich
auch bei der Ehe der Fall ist. Um so mehr war es aber der Fall,
wenn ein gegenseitiges Ehegelübde auch eidlich bestärkt worden war,
wie es der Regel nach der Fall zu sein pflegte^), so daß man auch
diesen Fall vielleicht zuerst im Auge gehabt haben mochte. Es war
dieses auch der Grund, weshalb den Sponsalien, und zwar nicht
etwa, wo sie in altdeutscher Weise und im altdeutschen Sinne gleich-
sam als ein feierlicher Vertrag unter zwei Familien geschlossen wa-
ren, sondern nur in dem einfachen Versprechen, eine Ehe eingehen
zu wollen, bestanden, eine weit größere Kraft beigelegt wurde, als
sie nach römischem Recht hatten, so daß man schon durch sie dahin
geleitet wurde, die zu gegenseitiger Treue in der Ehe verpflichtende
und unauflösliche Verbindung als begründet anzusehen. Bezeugt
scheint mir dieses durch die aus dem hierher gehörigen Titel Gra-
tian's^) hervorleuchtende Schwierigkeit zu werden, zwischen Spon-
salien und Ehen einen durchgreifenden Unterschied aufzustellen. Er
nennt auch die durch bloße Sponsalien begründete Verbindung, wie
auch schon ältere Kirchenlehrer gcthan batten, ein conjugium3 4 5),
wendet auf diese die Erklärung an, welche die Römer von der Ehe
geben, und kommt endlich auf den Satz: inter sponsum et sponsam
conjugium est, sed initiatum , inter copulatos est conjugium
ratum5), woraus sich zugleich ergicbt, daß, wiewohl Gratian schon
die verbindliche Kraft der heimlichen Verlobungen annimmt, er

3) Glück, Commcnt., Bd. 23. S. 93.
4) Deer. Gratiani cap. XXVII. 9. A. An sponsae a sponso recedere
licet etc.
5) C. 1, 2, 6, 9. I. c.

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