Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 4 (1840))

Der reichsgräfl. Bentincksche Erbfolgestreit. 191
ches mit den Grundsätzen des Christenthums in vielen Punkten un-
vereinbar war, die Kirche zur Handhabung ihrer Discipliu darauf
bestehen mußte, daß die Gläubigen ihre Ehen bei dem Bischöfe
anmeldeten, und erst, wenn dieser nichts dagegen einzuwenden
hatte, die Ehe zu einer kirchlichen wurde; daß später aber, wo der
ganze Standpunkt der Kirche sich veränderte, ihre Behandlung
freier wurde, und man nun in Anerkenntniß des aus der Natur des
Verhältnisses gezogenen Grundsatzes, daß die Ehe eigentlich durch
die Intention beider Theile constituirt werde, sie jede mit dieser Ab-
sicht unter Christen geschlossene Verbindung, welcher keine beson-
dern Hindernisse entgegenstanden, auch kirchlich für eine vollgiltige
Ehe, wenn gleich alle Förmlichkeiten fehlten, erklärt habe." Noch
auf dem tridentinischen Concilium wurde unter Anderm bemerkt, daß
die heimlichen Ehen „zu unzähligen Ehebrüchen Veranlassung gä-
ben" -), und man möge daraus und aus dem oben Bemerkten ent-
nehmen, ob, als die römische und germanische Welt christlich ge-
worden war und von einem mit den Grundsätzen des Christenthums
unvereinbaren Eherechte nicht mehr die Rede sein könnte, sich die
Gefahren, welche daraus erwuchsen, wenn Ehen ohne Mitwissen
der Kirche eingegangen werden konnten, ob das Interesse, welches
die Kirche hatte, darauf zu bestehen, daß die Ehen in kirchlicher
Form geschlossen wurden, sich verloren hat? Wenn man die Sache
aus dem allgemeinen vonW alt er angedeuteten Standpunkt betrach-
tet, so hätte man viel eher erwarten sollen, daß im Laufe der Zeit,
als das Christenthum das Leben mehr durchdrungen, die Kirche
um so mächtiger, das Ansehen ihrer Gebote um so größer geworden
war, die Nothwendigkeit, daß jede Ehe, die als eine kirchliche gel-
ten wollte, auch kirchlich geschlossen sein müßte, um so entschiedener
hätte hervortreten müssen. Ich maße mir nicht an, tief genug in
den Geist und Entwickelungögang des kanonischen Rechtssystems,
in die Geschichte der Kirche eingedrungen zu sein, um genügend dar-
legen zu können, wie es geschah, daß gerade das Gegentheil davon
stattfaud, wie man dennoch dahin kam, die matrimonia clandestina
für ver;i et rata zu erklären; doch scheint mir die Wahrnehmung
nicht sc fern zu liegen, daß theilö innere, in dem Wesen und Ent-

2) ?. Suavis Polaui (Sarpi) Hist. Concil. Trident. Genev. 1658.
Lib. \ 111. 601.

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