Full text: Volume (Bd. 4 (1840))

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Zöpfl:

den Richterstuhl der Vernunft gezogen und die Erschaffung eines der
Denkweise und den Bedürfnissen unserer Nation in materieller und
formeller Beziehung entsprechenden Rechtes von Männern gefordert,
welchen klar geworden war, daß der Zweck alles Rechtes kein ande-
rer sein könne, als praktische Regel für das praktische Leben zu sein,
und daß umgestaltete sociale und bürgerliche Verhältnisse auch not-
wendig eine Umgestaltung des Rechtes verlangen, — sondern es er-
wachte auch in unmittelbarer Folge der Wiedergeburt des deutschen
Nationalsinnes das historische Studium des nationalen, des ger-
manischen Rechtes. Man bemühte sich zuerst, den Geist desselben aus
den Denkmälern zu erforschen, welche aus einer großen Vorzeit er-
halten sind; man lernte sodann die Modisicationen, unter welchen
das römische Recht in der Praris zur Anwendung gekommen war,
aus einem anderen Standpunkte als früher betrachten. Man sah
darin nicht mehr ein Werk des Zufalles, oder gar der iuristischen
Barbarei früherer Jahrhunderte, wenn die Erfahrung lehrte, daß
römische Rechtssätze nicht in ihrer ursprünglichen Reinheit in Deutsch-
land hatten Giltigkeit erlangen können, man hörte allmälig auf,
die Praris sinnlos zu schelten, wo sie das römische Recht zu beschrän-
ken, zu biegen oder hintanzusetzen gewagt hatte. So wie die histo-
rischen Grundideen des germanischen Rechtes, die nationalen Insti-
tutionen desselben mehr durchforscht und klarer erkannt und begriffen
wurden, lernte man die Rechtsanwendnng jener mittelalterlichen, oft
mit Unrecht verschrieenen Praktiker von einem neuen Standpunkte aus
würdigen, — man sing an, es ihnen Dank zu wissen, wenn sie gleich-
wohl manchmal unter der Hülle eines unklaren Raisonnements und
ohne civilistische Eleganz, doch aber von einem gleichsam instinctarti-
gen Takte richtig geleitet, das deritsche Recht gegen das römische ver-
theidigt und seine Institutionen bei lebendiger Kraft erhalten hatten.
Man hat angefangen, es jenen Männern, die in einer Zeit wirkten,
wo kaum erst die Morgenröthe der Wissenschaft dämmerte und die
Geschichte noch mit dem Leben vergangener Jahrhunderte in einem
Grabe schlunnnerte und ihrer Auferweckung entgegen harrte, zu ver-
zeihen, daß sie selbst da, wo sie rein deutsches Recht handhabten, zur
Begründung ihrer Entscheidungen oft ängstlich und martervoll Argu-
mente aus dem römischen Rechte zusammentrugen, und dies dabei
freilich mitunter auf eine klägliche Art verdrehten, um es sagen zu
lassen, was ihrem lebendigen Rechtögesühle und dem auf sie vererb-

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