Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 4 (1840))

Verhältniß des rationalen und nationalen Rechts, 1 15
nischen Rechte in einer Art von legislativer Form dargestellt und auf
Prineipien zurückgeführt zu sehen, deren sie sich selbst noch nicht, oder
nicht deutlich bewußt geworden war. So fand also die Praris in
dem kanonischen Rechte eine willkommene Stütze und eine Art von
Rechtsphilosophie, welche aus dem germanischen Rechte selbst her-
vorgegangen zu sein schien, obschon sie größtentheils dem römischen
Rechte abgeborgt worden war. Das kanonische Recht hat daher das
doppelte Verdienst, einmal, daß es das, was von dem römischen
Rechte als allgemein praktisch und universell anwendbar erschien, aus-
schied und in die Praris der germanischen Völker einführte, zwei-
tens und hauptsächlich aber, daß es die germanischen Rechtsinsti-
tute selbst durch seine Billigung gleichsam in gesetzlicher Form sanctio»
nirte und eben hierdurch großentheils vom Untergange rettete, wel-
cher ihnen von der Zeit au immer näher bevorstand, seit welcher das
Studium des römischen Rechts immer mehr zu überwiegen anfing
und der modernere Juristenstand in diesem allein die Quelle aller ju-
ristischen Weisheit anerkennen wollte.
Dem aufmerksamen Beobachter kann nicht entgehen, daß gerade
das, was einseitige Romanisten so oft als Modificationen verschrieen
haben, welche das kanonische Recht unverständiger Weise am römi-
schen Rechte vorgenommen habe, nichts Anderes ist, als eine Reihe
altnationaler germanischer Rechtsprincipien und Rechtsinstitute, wel-
che sich unter die Aegide des kanonischen Rechtes flüchteten, um
unter seinem Schutze fortzubestehen, so z. B. die Lehren vom pos-
sessorium ordinarium und summarium, vom spolium, Pom ju-
ramentum purgatorium unb juramentum diffessionis , die Lehre
von der Nothwendigkeit einer fortdauernden bona fides bei der
Verjährung, die Lehre von den Erbverträgen, derogatorischen Ge-
wohnheiten, der Gradezählung in der Seitenlinie, und viele
andere.
Es möchte kaum zu berechnen sein, welche Folgen für die ganze
Rechtsbildung erwachsen sein würden, wenn man diese Art der Ver-
bindung beider Rechte — des germanischen und des römischen —
so, wie das kanonische Recht sie begonnen hatte, beibehalten hätte,
so daß das römische nur als raison ecrite in Bezug auf das deut-
sche Recht betrachtet worden wäre. Unglücklicher Weise vergriff man
sich aber in Deutschland selbst in dem Maße, in welchem man das
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