Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 4 (1840))

Verhältniß des rationalen und nationalen Rechts. 109
nicht gelten kann, ist zum Mindesten ein unfruchtbares Unternehmen;
hier unter dem Namen des rationalen Rechtes ein Recht zu erfinden
und als praktisch geltend einführen wollen, welches der nationalen
Nechtsanschauung, der individuellen Rechtssitte des Volkes wider-
spricht, ist ein Attentat auf den Nationalcharakter, welches da, wo
es nicht im Beginne selbst scheitert, früher oder später traurige Fol-
gen nach sich ziehen muß. Zn was hilft es, die Monogamie als
die einzige und absolut rechtliche Art der Ehe zu verfechten, wo das
Klima und das numerische Mißverhältniß der Geschlechter, wie bei
den Asiaten, zur Polygamie hindrängen? Und genügt es nicht um-
gekehrt, um die gesetzliche Sanktion der Monogamie bei den germa-
nischen Völkern zu rechtfertigen, auf ihre Volkssitte und ihre übrigen
Lebensverhältnisse zu verweisen, welche bei ihnen ein für allemal da-
für entschieden haben? Ist es nicht lächerlich, die universelle Güter-
gemeinschaft unter den Ehegatten als absolutes Recht zu vertheidi-
gen, wo der wesentliche Zweck der Ehe doch auch eben sowohl unter
der Herrschaft einer partikulären Gütergemeinschaft als des Dotal-
systems erreicht werden kann? Was hat man denn gewonnen, wenn
man den strengen römischen Eigenthumsbegriff und die absolute Vin-
dieationsbefugniß, sowohl der Mobilien als Immobilien, als das
absolut Rechtliche anpreist , wenn der schlichte Sinn der Nation den
Besitz im guten Glauben für den höchsten Rechtstitel anerkannt hat?
Wo liegt denn die endliche Entscheidnngsnorm über die Vorzüglich-
keit der Theorie, welche die Aeltern nur für verpflichtet erklärt, den
Kindern eine gute Erziehung zu geben, ihnen aber die vollste Ver-
fügung über ihr Vermögen von Todes wegen verstattet, im Verhält-
niß zu einem eomplicirten Pslichttheils - oder einem Stammgutssy-
steme, als in den individuellen Lebensverhältnissen und in der Sitte
einer Nation?
Diese Materien sind es, in welchen von jeher bei allen Völkern
die größten Verschiedenheiten bestanden haben, und bestehen werden
und bestehen müssen, so lange noch eine Spur von Nationalcharakter
sich erhalten wird. Darum ist es betrübend, und ein Zeichen eines
drohenden Verfalles der Nationalität, wenn es bei einem Volke so
weit gekommen ist, daß sein nationales historisches Recht von seinen
Mitgliedern verkannt, mißverstanden, angefeindet und in einen Kampf
mit sogenannten philosophischen Theorien verwickelt wird, welche
keinen anderen Grund haben, als die magere Phantasie einiger Af-

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