Full text: Volume (Bd. 3 (1893))

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Stammler, zur neueren Literatur über den Begriff der vis maior.
der Anwendung des in der Normalgestalt vorgestellten Maßstabes hervorkehren,
— aber daß ein solches ideales Richtmaß unvermeidlich ist, darüber wird man
keineswegs hinauskommen. Wäre dieses anders, man hätte ja niemals die Mög-
lichkeit auch nur des leisesten Beweises, daß jemand anders hätte handeln sollen,
als er gethan; erst indem man sein Verhalten an den festen in der Idee vor-
gestellten Normalmenschen heranbringt und eine Differenz alsdann gewahrt und
darthun kann, alsdann erst vermag das Urtheil von fahrlässiger Schuld Kritik und
Probe zu bestehen. Daß damit ein absoluter oder „abstrakter" Maßstab eingeführt
wäre, der ohne Rücksicht auf die besondere Lage des Falles funktionieren wollte,
ist einfach nicht richtig; denn gerade wenn man die individuelle Sonderart be-
stimmten menschlichen Verhaltens und die persönliche Eigenthümlichkeit eines Han-
delnden beachtet: sobald man das Urtheil fällen will, daß nicht richtig gehandelt
sei, so hat man in idealer Vorstellung einen in dieser bestimmten Situation
korrekt Handelnden als logisches Prius zu Grunde gelegt, von dem das
wirklich Geschehene allererst sich abhebt.
Da nun bei dem Begriffe der custodia die Vermeidbarkeit des einge-
tretenen Erfolges immer auftritt, und auch, wie bemerkt, von unserem Vers, aus-
genommen worden ist, so muß bei den beiden oben erwähnten Klassen der custodia
die Art ihrer Bestimmung methodisch die gleiche sein. Und es folgt für unsere
Frage, daß die custodia selbst der Maßstab ist, mit dessen Hülfe man erst solche
Lebenserfahrungen, von denen hier die Rede ist, sammeln kann; so daß die Be-
sümmung des Begriffes custodia nicht aus den Erfahrungen heraus erfolgen
kann, sondern anders woher zu entnehmen ist, um nun jene Erfahrungen zu
ermöglichen.
Und weiterhin ergiebt sich in solcher Erwägung, daß man in allen Fällen,
in welchem von Vermeidbarkeit eines Erfolges gesprochen wird, nur den sog. sub-
jektiven Standpunkt eingenommen hat. Wenn Holländer sagt (S. 52), daß aus
einem Schiffe bei gehöriger custodia ein Diebstahl nicht gut denkbar sei, so ist
damit deutlich genug nachgegeben, daß die hier besprochene custodia immer nur
auf die kritische Beurtheilung des subjektiven Verhaltens bestimmter Personen
hinausläuft und in dem Richtmaße einer alleräußersten peinlichen Sorgfalt sich
erschöpft. Holländer führt hiergegen das Wort Puchta's an: „Was über die
Sorgfalt eines diligens pater familias hinausgeht, ist die Sorgfalt eines Narren";
aber er wird damit nichts beweisen können, denn dieser Satz ist unbegründet und
falsch. Es steht doch wahrlich der Gesetzgebung frei, einen beliebig hohen Grad
von Sorgfalt zu verlangen und verschieden strengen Maßstab für die Beurtheilung
menschlichen Thuns und Unterlassens zu statuieren, wie der im H.G.B. ange-
wandte Begriff der „Sorgfalt eines guten Kaufmannes" schon deutlich erweisen kann.
Hiernach kann der besprochenen Schrift, trotz mancher dankenswerther Ein-
zelerörterung einschlägiger Quellenstellen, ein grundsätzlicher Fortschritt über die
herrschende Lehre hinaus nicht zuerkannt werden.

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