Full text: Volume (Bd. 16 (1856))

282

H. Ortloff:
Aenderung ein. Damit nämlich der Rach nicht Kläger und Richter
zugleich sei, so wurde anstatt des jedesmal einzeln mit der Klage
beauftragten Dieners, der Raths dien er als selbstständiger öffent-
licher Ankläger eingesetzt, der nunmehr seine Anklage zugleich mit
an den Rath richtete als „vom Rath und der Gemeinheit" beauf-
tragt 62)*
Bei dem sichtbaren Uebergreifen des Untersuchungsprinzips in
das Gebiet des nach der Verhandlungsmarime geführten Anklage-
prozesses im 14. und 15. Jahrhundert laffen sich, selbst nach ver-
schiedenen Gegenden, die beiden Gegensätze zwischen der Privat-
anklage und der amtlichen Untersuchung erkennen; in der Mitte
zwischen denselben steht die öffentliche oder amtliche Anklage und
eine Art gemischtes, theils accusatorisches, theils inquisitorisches
Verfahren. Die erwähnten Gegensätze haben sich noch zwei Jahr-
hunderte hindurch gegenüber gestanden bis zum entschiedenen Sieg
des Untersuchungsprinzips über die Anklageform. Obgleich man
an letzterer in einigen Gegenden Deutschlands sehr festhielt, so
war doch andererseits schon sehr frühe mehr oder weniger davon
abgegangen worden, besonders weil der Beweis für den Ankläger
zu schwierig und die Folgen des mißlungenen Beweises zu fürchten
waren; denn an manchen Orten wurde das Besiebenen sogar bei
handhaften Thaten verlangt. Der Ankläger blieb daher lieber
ganz von der Klage weg, ehe er sich den Mühen, sieben ebenbürtige
Zeugen aufzutreiben, unterzog, oder sich der Gefahr eines vereitel-
ten Beweises aussetzte. Daher suchten im 14. Jahrhundert viele
Städte vom Kaiser das Privilegium zu erlangen, ohne Anklä-
ger solche Personen, welche von dem größer» Theil der Raths-
glieder auf ihren Eid als Verbrecher erkannt, oder von der fama
publica, „bösen Leumut" oder „Hörensagen" als strafbare Misse-
thäter bezeichnet würden, zur Strafe ziehen zu dürfen63); solche
Privilegien sind in den Jahren 1318, 1340, 1391, 1398, 1401,
1403 an die Städte Nürnberg, Eßlingen, Ulm, Rotenburg, Weis-
senburg64), Winsheim, Dünkelspiel, Kaufbeuren u. a. m. verliehen
worden.
....*..
62) Donandt, a. a. O. S. 187. 193 ff.
63) Dreyer, a. a. O. S. 32. 33.
64) 8» It au s, glossarium p. 426.

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