Full text: Volume (Bd. 12 (1902))

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Haftpfltchtgesetz § 1.

eines damals in der Nähe abgehaltenen Pferdemarkts, wegen der herr-
schenden Windrichtung und wegen der Beschaffenheit des Geländes. Der
Zug habe auch nicht die vorgeschriebene Fahrgeschwindigkeit (von nur
6 Kilometer in der Stunde an Uebergangsstellen) eingehalten. Die Be-
klagte hat jedes Verschulden auf ihrer Seite bestritten und will den Unfall
lediglich auf das eigene grobe Verschulden des Verunglückten zurückführen.
Und der erste Richter hat der Beklagten hierin Recht gegeben. Der Be-
rufungsrichter dagegen verneint, daß der Beweis eines eigenen Verschuldens
des Getödteten geführt sei: derselbe sei in dem Augenblick, da er den Zug
gewahr wurde, durch den Bahnkörper von seinem bespannten Fuhrwerk
getrennt gewesen. Durch das Heranbrausen der Lokomotive seien seine
Pferde, wie durch das Zeugniß des Lokomotivführers S. erwiesen sei, un-
ruhig geworden. Er sei nun vor dem herannahenden Zug aus den Bahn-
körper getreten, um noch rechtzeitig vor dem Zug zu seinen Pferden zu
gelangen, diese zu beruhigen und dergestalt deren Untergang und — wie
zu seinen Gunsten weiter angenommen werden müsse — eine Gefährdung
des Eisenbahntransports zu verhindern. Hierbei habe er sein Leben einer
großen Gefahr ausgesetzt; hierbei habe er auch thatsächlich sein Leben ein-
gebüßt. Möge man nun auch bei einer nachträglichen ruhigen Prüfung
zu dem Ergebnisse gelangen, die Gefahr, in die sich W. bei seinem Rettungs-
versuch stürzte, sei größer gewesen wie die Gefahr, welche den Pferden,
dem Wagen und dem Eisenbahntransport gedroht habe, so könne hieraus
doch kein Verschulden im Sinne von § 1 des Haftpflichtgesetzes hergeleitet
werden. Zu den besonderen Gefahren des Eisenbahnbetriebs gehöre auch
die größere Schnelligkeit der Bewegung, welche zu plötzlichen, bei ruhiger
Ueberlegung nicht vernünftig erscheinenden Entschlüssen treibe. W. habe
sich also in einer Kollision der Pflichten befunden, er habe sein Leben in
die Schanze geschlagen, um andere Güter zu retten, welche er für gefährdet
hielt. Ein Verschulden desselben könnte nur in dem Aufstellen des Fuhr-
werks jenseits des Bahnkörpers gefunden werden. Aber nach dem Er-
gebniß der Beweisaufnahme sei es nicht der Verunglückte, sondern der
Arbeitgeber B. gewesen, welcher den Platz für das Fuhrwerk ausgewählt
habe; dieser Platz sei übrigens auch nach den örtlichen Verhältniffen der
allein gegebene gewesen.
Die Revision macht geltend, der Berufungsrichter verkenne den Begriff
des eigenen Verschuldens im Sinne von § 1 des Haftpflichtgesetzes. Der
Verunglückte habe an sich grob fahrlässig gehandelt, als er den Bahnkörper
trotz des bahnpolizeilichen Verbots, nachdem der Zug in nächste Nähe
gekommen, betreten und versucht habe, neben und vor dem Zuge herlausend,
den Bahnkörper zu überschreiten. Die an sich kulpose Handlung könne aus
dem Gesichtspunkt sittlicher Mottve nicht entschuldigt werden, wie das zu-

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