Full text: Volume (Bd. 12 (1902))

9.1.4. Aufsichtspflicht des Vaters bei Spielen seiner Kinder und deren Genossen. Schießgewehr im Sinne von § 367 Ziff. 8 des St.G.B. Wird der Schadenersatzanspruch eines durch die Schuld eines andern verletzten Kindes dadurch berüht, daß derjenige, dem die Aufsicht über das Kind zu führen oblag, diese verabsäumt hat?

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Zu §§ 832, 823, 254 des B.G.B. u. § 367 Ziff. 8 des St.G.B.

Aufsichtspflicht des Vaters bei Spielen seiner Ainder und deren
Genessen. Schießgewehr im Sinne von 8 367 Ziff. 8 des St.G.B.
wird der Schadenersatzanspruch eines durch die Schuld eines
andern verletzten Aindes dadurch berührt, daß derjenige, dem
die Aufsicht über das Aind zu führen oblag, diese ver-
absäumthat?
(Urth. des VI. Civilsenats vom 13. März 1902. VI 419/1901.)
Im April 1900 schoß der 14jährige Sohn des Beklagten mit mehreren
Kameraden im Garten seiner Eltern nach einer Scheibe mit einem Gewehr,
bei dem das Projektil — eine Schrotkugel — durch die Kraft einer auf-
gezogenen Feder vorwärts getrieben wurde. Der Sohn des Beklagten fehlte
einmal die Scheibe, die Schrotkugel prallte an einer Kante der den Garten
von dem Hofe des Nachbargrundstücks trennenden Mauer ab und verletzte
den 7 jährigen Kläger, der gerade in diesem Augenblick seinen Kops
über die Mauer erhob. Der Kläger forderte vom Beklagten Schadenersatz
gemäß 8 832 des B.G.B. Der Anspruch wurde in erster und zweiter
Instanz dem Grunde nach für berechtigt erklärt, die dagegen eingelegte
Revision blieb erfolglos:
Das Berufungsgericht führt aus, der Beklagte habe der ihm nach
ß 1631 des B.G.B. obliegenden Aufsichtspflicht nicht dadurch genügt, daß
er beim Schießen ab- und zugegangen sei und die Schützen wiederholt zur
Vorsicht ermahnt habe; als gewissenhafter und sorgfältiger Mann habe er
das Schießen überhaupt nicht dulden dürfen. Er habe sich sagen müssen,
daß ein solches Vergnügen junger, im Umgang mit Schießwaffen uner-
fahrener Leute in seinem Garten, der nur durch eine Mauer vom Hofe
des bewohnten Nachbargrundstücks getrennt sei, auch bei fortdauernder
Beaufsichtigung infolge von Zielfehlern, Mängeln der Munition rr leicht
verhängnißvoll werden könne. Sei auch das benutzte Gewehr eine ver-
hältnißmäßig harmlose Waffe, so lehre doch die tägliche Erfahrung, daß
auch mit solchen Schießwerkzeugen äußerst vorsichtig umzugehen sei. Zumal
unerwachsenen Leuten sollte daher der Gebrauch von Schußwaffen nur an
Orten, die dafür besonders angelegt seien, gestattet werden. Ein solcher
Ort sei indessen der Garten des Beklagten schon wegen seiner örtlichen
Lage inmitten von Wohnstätten nicht. Weiter komme aber auch noch die
gewählte Art der Ausstellung der Scheibe wesentlich in Betracht. Die
jungen Leute hätten in der Richtung nach der Gartenmauer geschossen;
schon hierdurch sei Veranlassung gegeben gewesen, daß unter Umständen
eine Schrotkugel, die vielleicht nur in ganz geringer Höhe über die Scheibe
hinweggegangen sei, bei der weitern Verfolgung ihrer Flugbahn eine solche

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