Full text: Volume (Bd. 19 (1859))

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Geltung der evangelischen KirchenvrdnUttgett.
ständigkeit gemacht, also daß sie auf's Neue für das Staatsregiment
in der Kirche, verbunden mit der Herrschaft des geistlichen Amts,
ihre Stimme erhoben haben.
Mit vielen anderen habe ich niemals zu den Gegnern deS
landesherrlichen Episkopats gehört, aber eben so wenig jemals zu
den Freunden des Staatsregiments in der Kirche. Nicht erst seit
dem letzten Decennium datirt der Wunsch, daß der Kirche Autonomie
zu Theil werde und die Auseinandersetzung von Staat und Kirche er-
folge: denn das Staatsregiment der Kirche hat keinen Segen ge-
bracht, aber vornehmlich der Kirche am meisten geschadet. Kaum
in's Leben getreten wurde sie in ihrer Entwickelung durch das Gou-
vernement gehemmt und hat größtentheils nicht zu ihrer vollstän-
digen Ausbildung gelangen können. Das Oberhaupt des Staats
wurde nicht blos, wie es im Geiste der Kirche der Reformation liegt,
als Mitglied derselben auch Theilnehmer ihres Regiments, sondern
die Obrigkeit übernahm nur zu häufig dasselbe allein und schloß die
anderen Glieder der Kirche von demselben aus. Diese Erclusion
steht aber im Widerspruche mit den Grundsätzen der Reformation,
wie dies jeder Zeit bald mehr, bald weniger lebhaft gefühlt und
geäußert worden ist. Nach dieser Seite hin „ist die Reformation
zeitig stecken geblieben, als ihr Grund gelegt war".
Wenn nun endlich die Vermischung des geistlichen und welt-
lichen d. h. des kirchlichen und staatlichen Regiments aufhört und
der evangelischen Kirche die verheißene Selbstständigkeit gewährt
wird, so erfolgt doch damit in keiner Weise eine Umwandlung der-
selben im römisch-katholischen Geiste, eben so wenig materiell, als
formell. Das aus dem Romanismus entsprungene kanonische Recht
und die sich daran anlehnende Disciplin der Curie sind für die
evangelische Kirche weder früher eine Autorität gewesen, noch jetzt
eine solche geworden: denn diese Quellen sind angefüllt mit Tra-
ditionen, welche nach evangelischer Ueberzeugung im Widerspruche
stehen mit der heiligen Schrift und den klaren Gründen (der ratio
evidens). Die Abschaffung solcher injustae traditiones ward schon
beim Beginne der Reformation beschlossen und ihre Herstellung ist
und bleibt für die Kirche der Reformation als solche eine Unmög-
lichkeit. Justae traditiones hat dagegen die evangelische Kirche nicht
verworfen, vielmehr bilden dieselben, mit den aus dem Worte
Gottes geschöpften Lehren verbunden, die Fundamente ihrer Ord-
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