Full text: Volume (Bd. 19 (1859))

423

Ueber Lebensfähigkeit.
die Unstatthaftigkeit, ja Unaussührbarkeit jener Ansicht aufgezeigt,
sondern auch die „unschuldige Veranlassung" mittelst Darstellung
eines ganz andern, dem Familienrecht angehöreuden Grundsatzes,
nachgewiesen. Für die besondere Wendung, welche die Untersuchung
im Criminalrecht genommen, werden zwei Gründe angeführt, die
Auffassung des im Art. 131 der Carolina vorkommenden Ausdruckes
der Gliedmäßigkeit, als Vitalität und die Meinung, „den eigent-
lichen Kindermord (d. h. die von der Mutter unter gewissen Um-
ständen verübte Tödtung) von andern Tödtungen zu unterscheiden
und gelinder zu behandeln" wobei die treffende Bemerkung gemacht
wird: „daher wurde besonders auch die mangelnde Vitalität benutzt,
um von der Mutter die Strafe abzuwenden, zugleich aber verab-
säumt, die Frage auch für andere Fälle der Tödtung neugeborner
Kinder (z. B. durch die Geburtshelferin) zu beantworten" ( S. 397).
Man sieht auch hieraus das Bedenkliche und Zufällige einer
solchen Annahme, davon nicht zu sprechen, daß wie schon erinnert
worden, jene zweite Voraussetzung über die gelinder zu behandelnde
Kindestödtung, die freilich nach der Theorie der Neuern, auch in
die Landesgesetzgebungen der Gegenwart einen ihr jetzt nicht streitig
zu machenden Eingang gefunden hat, wenigstens in der P.G.O.

dennoch im Criminalrecht bei der Tödtung eines nicht vitalen Kindes
irgend eine Strafe (wenn gleich nicht die ordentliche Strafe der Tödtung),
eintreten" lassen. Denn "faßt man die Sache ganz einfach auf, so
müssen diejenigen, welche im Civilrecht Lebensfähigkeit fordern, und außer
derselben das Geborne als todt ansehen, auch im Criminalrecht die
Möglichkeit eines Verbrechens gegen dasselbe gänzlich läugnen, da man
an einem Leichnam kein Verbrechen begehen kann". (S. 397). Diese
Bemerkung mag gegründet sein in Betreff der Criminalisten, welche
entweder zugleich als Bearbeiter des Civilrechts ihre Ansicht in diesem
Sinne ausgesprochen, oder doch mit Gründen und Belegen ans dem-
selben argnmentirt haben. Meist wird aber gar nicht von diesem Stand-
punkt aus, sondern nach allgemeinen Grundsätzen des Strafrechts, der
Gegenstand behandelt. Die Criminalisten haben jedenfalls, so fern sie
auf die Lebensfähigkeit ein Gewicht legen, mit Recht die Frage über
deren Dasein oder Mangel der ärztlichen Entscheidung überlassen und
nicht aus jenen vom Verfasser als unstatthaft dargelegten Gründen ge^
schloffen. Ueber die von den Aerzten angenommenen Systeme s. Mitter-
maier zu Feuerbach S. 395. Note III.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer