Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 19 (1859))

34 Jacobson:
der Reformation keinem Zweifel, da die kirchliche Gerichtsbarkeit
über die Ehe erst durch Verleihung des Staats entstanden war und
es dem Landesherrn daher freistehen mußte „aus bewegenden Ur-
sachen" die Bewilligung zurückzunehmen. Die Gesetzgebung über
die Ehe selbst ist aber nach protestantischem Kirchenrecht nicht eine
rein kirchliche, sondern eine gemischte Angelegenheit. Die Verbind-
lichkeit von Verordnungen des evangelischen Landesherrn, durch
welche die bisherigen Kirchen- und Eheordnungen abgeändert wur-
den, für die evangelische Kirche Preußens konnte nach der bestehen-
den Verfassung ebensowenig einem gegründeten Bedenken unter-
liegen. Daß die evangelische Geistlichkeit durch die neueren landes-
herrlichen Gesetze sich auch wirklich für gebunden erachtete, erhellt
aus der damaligen kirchenrechtlichen Literatur, wie aus der Praxis.
Wir finden deßhalb diese Gesetze in den für die Amtspraris der
Geistlichen bearbeiteten Sammlungen vollständig mit berücksichtigt
Roch ehe von Seiten der Pfarrer eine Erinnerung oder eine
Aeüßerung von Gewissensbedenken erfolgt war, hatte König Fried-
rich Wilhelm III. selbst die Initiative ergriffen, um eine Verbesserung
des bestehenden Eherechts „in Rücksicht des religiösen und sittlichen
Prinzips" herbeizuführen (.Cabinets-Ordre v. 15. Januar 1825) 74).
Diese Reform gelang aber nicht sofort, weßhalb von kirchlicher
Seite her Wünsche für eine solche laut zu werden anfingen. Die
rechtliche Geltung der späteren Gesetzgebung wurde aber nicht in
Zweifel gezogen 75), bis Otto v. Gerlach, Pfarrer in Berlin, mit
73) M. s. z. B. W. H. Beckher, Preußische Kirchenregistratur, oder kurzer
Auszug Königlich Preußischer Edicten und Verordnungen, welche in
Kirchen- und Schulsachen im Königreich Preußen publicirt werden, und
von den Erzpriestern und Predigern.... beobachtet werden müffen..
(neue Ausgabe) von S. F. Bock, Consistorialrath u. s. w. Königsberg,
1769. 4. S. 40. 43. 52. 61. 62. 128—130. 136. 139 u. a. L. E.
Borowski, Predigers zu Königsberg, neue Preußische Kirchenregistra-
tur .... Königsberg, 1788. 4. S. 43 folg. u. a.
74) Aktenstücke aus der Verwaltung des evangelischen Oberkirchenraths.
Band III. (Berlin, 1856.) Heft I. S. 60.
75) z. B. nicht von der theologischen Facultät in Bonn, welche unterm
15. Mai 1836 der Rheinischen Provinzialsyuode ein Gutachten über die
Verpflichtung der Geistlichen hinsichts der Trauung geschiedener Eheleute
erstattete. (Rheinwald, Acta historico-eeclesiastica. Jahrgang 1836.
Hamburg, 1839. S. 474 folg.)

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