Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 19 (1859))

Geltung der evangelischen Kirchenordnungen. 33
Provinzen die Ehescheidungen sehr überhand nähmen, daß selbst
einige Gerichte, aus Mißverstand und allzuweiter Ausdehnung der
bisher ergangenen Verordnungen — nicht mit einer der Wichtigkeit
der Sache gemäßen Vorsicht und Ueberlegung zu Werke gingen,
gaben Veranlassung zur Emanation des EdictS vom 17. November
1782 gegen die Mißbräuche der Ehescheidungen7i), an welches sich
das allgemeine Landrecht vom 5. Februar 1794 Theil II. Titel I.
§. 688 folg, im Wesentlichen anschloß.
Daß die Preußische Gesetzgebung seit 1749 das bisher in der
evangelischen Kirche befolgte Prinzip über Ehescheidungen in larer
Weise geändert habe, indem vereinzelte Ausnahmen zur Regel er-
hoben wurden, ergibt der Inhalt der Gesetze selbst und der Grund-
gedanke Friedrichs II., welcher sich in einer Cabinets-Ordre an den
Regierungs-Präsidenten von Tevenar zu Magdeburg vom 26. Mai
1783 vollkommen deutlich also auöspricht:
„Da Ich von Euch vernommen, daß es bei der Regierung
noch ein Haufe Ehescheidungsprozesse, besonders unter den ge-
meinen Leuten giebt, so gebe Ich Euch deshalb zu erkennen,
daß man mit der Trennung der Ehe nicht gar so faeil sein
muß, daß davon ein Mißbrauch entsteht, sowie auf der andern
Seite auch nicht gar zu difficil sein muß, sonsten hindert das
die Population. Denn sobald zwei Eheleute durchaus wider
einander so weit aufgebracht und erzürnet sind, daß gar keine
Vereinigung wieder zu hoffen steht, und die Gemüther in einer
beständigen Verbitterung gegen einander verbleiben, so werden
sie auch keine Kinder mit einander erzeugen, und das ist der
Population zum Nachtheil. Dagegen wird ein solches Paar
geschieden, und das Weib heiraihet dann einen andern Kerl,
so kommen doch noch eher Kinder davon; Ihr müßt daher
immer auf die Umstände sehen, und nur in dem Fall, wenn
ganz und gar kein Vergleich und Wiederaussöhnen stattfinden
und erwartet werden kann, die Scheidung geschehen lassen"
Die Zulässigkeit der Uebertragung der Gerichtsbarkeit in Ehe-
sachen auf die weltlichen Gerichte unterliegt nach den Grundsätzen

71) Novum Corp. Const. Tom. VII. nro 50. Fol. 1613 folg.
72) Gesetzes. Revision — Pensum XV. Allgemeines Landrecht Theil u.
Titel I. (Berlin 1830. 4.) S. 369.
Zritschr. f. deutsch. Recht. 19. Bd. 1. H.

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