Full text: Volume (Bd. 19 (1859))

30

Jacobson:
daß man sich wenig darum bekümmerte, ob eine Verordnung des
Landesherrn aus seiner Landeshoheit oder aus seinem Kirchenregiment
hervorgiug. Bei Gegenständen, welche Staat und Kirche gemeinsam
berührten, wie Ehe, Schule, Eid u. a. war auch eine solche Di-
stinction fast geradezu unmöglich.
„Durch die Gewalt der historischen Thatsachen" war zuerst der
Grundgedanke der Reformation in Bezug auf die Gemeinden alterirt
worden; dieselbe Gewalt war dann auch dem geistlichen Amte gegen-
über mächtig geworden. Wie die Kirchenvorsteher der Gemeinden
auf die sogenannten Externa, so wurden die Pfarrer auf die so-
genannten Interna ihres Amts in den Localgemeinden beschränkt
und die gemeinsamen höheren kirchlichen Interessen waren dem lan-
desherrlichen Kirchenregiment überlassen worden. Wenn der Landes-
herr, als rechtmäßiger Inhaber der Episkopalrechte, von denselben
mit einer gewissen Willkühr Gebrauch machte, so hatte die Kirche
dagegen kein anderes Mittel als Vorstellungen und Bitten;
„Und gesetzt das Kirchenregiment fällt vom Wort und Bekenntniß
ab, weil auch die regierte Kirche im Abfall begriffen ist, so
bleibt eben nur die Hoffnung und das Gebet der Frommen, daß
der Herr seiner Kirche wieder wie zum Leben überhaupt, so
auch zu gutem Regiment helfen werde" 65).
Die vom Landesherrn in Kirchensachen ergangenen Verord-
nungen wurden eine formell verpflichtende Norm, wenn sie auch
materiell dem Geiste der Kirche nicht entsprachen. Es ist darum
nicht abzusehen, wie eine durch spatere landesherrliche Verordnung
herbeigeführte Abänderung einer älteren, ebenfalls Kraft des mit
der Landeshoheit verbundenen Episkopalrechts, erlassenen Kirchen-
ordnung nicht zu Recht bestehen sollte. Es ist allerdings richtig,
daß die dem Wesen der Reformation entsprechende Doctrin es als
Pflicht des Kirchenregiments bezeichnet, daß nicht ohne Mitwirkung
der Kirche die Gesetzgebung verwaltet werden sollet); indessen hat
eine entgegenstehende territorialistische Doctrin, und nicht erst seit
Thomasius, eine andere Praxis oft genug in's Leben gerufen. Die
65) Kliefoth Acht Bücher von der Kirche. Bd. I. (Schwerin und Rostock
1854) S. 503.
66) vgl. Eichhorn, Kirchenrecht I, 693 folg. Stahl, die Kirchenverfassung
S. 173 folg. 181 folg. Richter, Kirchenrecht §. 52.183 und die von
diesen Schriftstellern Citirten.

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