Full text: Volume (Bd. 19 (1859))

Untersuchungen über die Sendgerichte. 323
Strafrechts anzuerkennen und ihr gegen hartnäckige Ucbelthäter die
Hülfe des weltlichen Armes zu leihen 5).
Unter den eigenthümlichen Formen, in welchen die Kirche im
Mittelalter jene Strafgerichtsbarkeit über die Laien geübt hat, treten
besonders die Sendgerichte hervor. Wenige Erscheinungen deS
kirchlichen Rechts zeigen dem Forscher eine so vollständige Ver-
schmelzung milden das germanische Verfahren beherrschenden Rechts-
gedanken. Deshalb erweist sich aber auch für die Kenntniß dieser
merkwürdigen kirchlichen Einrichtung in höherem Grade als für die
meisten anderen Institute die Beschränkung auf den Kreis der kirch-
lichen Rechtsquellen, welcher im Corpus Juris Canonici seinen Ab-
schluß gefunden hat, als unzureichend. Volksthümliche Institute
entziehen sich oft den Satzungen des Beamtenstaats. Sie fordern
deshalb auch ein eigenthümliches Verständniß, das oft nicht aus
gesetzlichen Bestimmungen zu schöpfen ist. Um des Lebens wunder-
volle Gestaltungen zu erfassen, genügt es nicht, daß man sie in ein
fertiges, zumal auf fremdem Boden entwickeltes juristisches System
zwängt; dazu müssen wir vielmehr hinabsteigen in die geheimnißvolle
Werkstatt des rechtschaffenden Volksgeistes. Wer mit offenem Auge
die zerstreuten, Spuren seines Wirkens zusammenliest, der arbeitet ■
darum nicht minder für die Wissenschaft des Rechts, als wer einen
gegebenen Gedanken bis in die feinsten Spitzen logischer Entwicklung*
ausspinnt. Das ist die Bedeutung und der Reiz urkundlicher
Forschungen für Zwecke der Rechtswissenschaft 6 7), eine Bedeutung
welche gerade für das kirchliche Recht vielleicht um deswillen früher
oft übersehen worden ist, weil die zwingende Folgerichtigkeit seiner
Satzungen den Verstand einseitig fesselte. Auch in dem, was bisher
über die Sendgerichte geschrieben worden ist I, scheint uns jene

5) A. a. O. p. 51.
6) Für das Kirchenrecht im Besonderen genügt es, auf die beherzigen--
werthen Andeutungen hinzuweisen, welche Richter in dem Vorworte
zur fünften Auflage seines Kirchenrechtes giebt. Es sei mir der Wunsch
gestattet, daß er selbst durch Ergänzung des im Anhänge gegebenen ur-
kundlichen Stoffes zu einem Urkundenbuche des kanonischen Rechtes den
Gedanken verwirkliche, welcher die reichsten Früchte für diesen Zweig des
Studiums verheißt.
7) Literatur der Sendgerichte: Kopp, Ausführliche Nachrichten von
der ältern und neuern Verfassung der geistlichen und Civilgerichte in den
2l *

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