Full text: Volume (Bd. 19 (1859))

Zur Lehre vom Connoffement. 12$
zufällig begründeten Einreden auch dem Inhaber dieses Dokumentes
gegenüber geltend gemacht werden könnten, sondern der Inhaber
tritt mit einer selbstständigen Forderung auf, als wäre er der pri-
mitive Gläubiger. Freilich kann nicht geleugnet werden, daß die
Inhaberpapiere zugleich Beweiskraft für die Eristenz der Forde-
rungen haben, aber diese Begriffsbestimmung sagt zu wenig. Sie
sind vielmehr Repräsentanten des Forderungsrechts selbst, geschaffen
zu dem Zweck, um das an und für sich nur intellektuelle Forderungs-
recht äußerlich zu verkörperlichen, und auf diese Weise dasselbe, so
wie eine res corporalis nicht nur zur freien und leichten Veräußerung
fähig, sondern auch die Bestellung anderer Rechte an demselben
möglich zu machen.
Der erste Gläubiger, welcher die Obligation veräußern will,
braucht sie daher nicht zu cediren, sondery er verkauft sie in Ge-
stalt jenes äußeren Repräsentanten wie eine Mobilie; er selbst
scheidet vollständig aus dem Obligationsnerus aus, der Käufer
erwirbt als völlig selbstberechtigter quasiprimitiver Gläubiger die
Obligation in ihrer Totalität, wie er Eigenthum an einer Sache
erwerben kann und zugleich die Fähigkeit sein Eigenthum an
der Forderung wie das Eigenthum an einer res corporalis beliebig
zu veräußern. Dies geht natürlich nach den Grundsätzen des rö-
mischen Rechts bei Obligationen nicht an, weil sie aller greifbaren
und faßbaren substanziellen Elemente entbehren, wohl aber mit den
vom modernen Recht geschaffenen Obligationen, deren gesammter
Rechtsinhalt durch einen körperlichen Repräsentanten symbolisch dar-
gestellt wird. Wer diesen Repräsentanten gültig und rechtmäßig
erworben hat, der hat das obligatorische Recht gültig erworben und
hat somit gültige Ansprüche auf Erfüllung der obligatorischen Leistung.
Von diesem Gesichtspunkt aus entscheiden sich alle die zahl-
reichen Controversen in Betreff der Inhaberpapiere nicht nur leicht,
sondern auch in vollständiger Uebereinstimmung mit den Anschauun-
gen des Verkehrs.
Der bloße Besitz der Urkunde und somit der Obligation
macht nicht zum wahren Gläubiger, so wenig wie der bloße Besitz
einer Sache zum Eigenthümer macht, sondern nur der rechtmäßige
Besitz verleiht die Gläubigerschaft; dagegen erfreut sich jeder Be-
sitzer der Urkunde analoger Vortheile, wie sie mit dem Besitz von
Sachen verbunden sind, und hat namentlich die gesetzliche Prä-
Zeitschr. f. deutsch. Recht, is. Bd. 1. H.

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