Full text: Volume (Bd. 6 (1841))

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Oeffentltchkeit und Mündlichkeit
^gegeben51). Und wären die Städte wohl zu dem großen Reichthume,
der geselligen Behaglichkeit, und dem ganzen Glanze des Bürger-
thums, wovon man jetzt keinen Begriff hat, gelangt, wenn ihr
Rechtsverfahren so wenig den Ansprüchen auf Rechtssicherheit ent-
sprochen hätte, wie von Manchen angenommen wird. Einzelnes im
Verfahren, z. B. der Gebrauch des Zweikampfs, der Eidhelfer als
Beweismittel- wurde allerdings mit Hülfe der kaiserlichen und päpst-
lichen Gewalt, in Uebereinstimmung mit dem veränderten Volksgeiste,
schon damals geändert. Allein die Duelle, woraus alle Neuerun-
gen bis zu Ende des Mittelalters zuletzt ihre Rechtfertigung nehmen
mußten, war eben dieser seiner Natur nach nur langsam sich än-
dernde Volksgeist. Der Zeitpunct, von wo an dieser eigenthümliche
Volksgeist unter die Fesseln des fremden Geistes sich beugen mußte,
war auch entscheidend für die Volksfreiheit.
Der kirchliche Inquisitionsprozeß, welcher zuerst nur bei den
Ketzergerichten angewendet, durch päpstliche Verordnungen, nament-
lich Papst Innocenz III. aber auf das Verfahren in Strafsachen
überhaupt ausgedehnt wurde, hat in Deutschland erst mit diesem
Zeitpunkte, das heißt gegen das Ende des Mittelalters, bei den

51) Nauclerus 1. e. Ich sehe die ganze Stelle hieher, weil sie den
damaligen Zustand anschaulich macht. Gubernatio reipublicae f'ere
communis est plebejis et civibus, nec ea plebs servire videtur;
sua cuique substantia tuta est et libertas , salvis legibus ut velint vi-
vere- In communi vero justitia per totam sueviam administratur
ab illiteraiis, laici enim imperatorum legibus non utuntur, sed in
singulis urbibus, oppidis et villis duodecim viri vitae integritate ae
honestate praecipue eliguntur in judices, nullo habito respectu an
sciant literas nec ne, qui munus judicandi necessario subeunt, licet
remunerationem seu mercedem inde nullam habeant praeter hono-
rem, sed pro bono communi suis posthabitis negociis, statutis die-
bus judiciis intendunt, jurautque singuli se facturos secundum quod
eis visum fuerit justius atque melius, et praesente magistratu loci
causas audiunt, partibusque ad satietatem auditis, sententiam dicunt,
non ut leges censent, quarum, nullam notitiam habent, sed prout
ratio cfc consuetudo judiciorum dictat. Die Bezeichnung „jurati",
Geschwvrue, war nach und nach auf diese ständigen Gerichtsschöf-
ftn ühergegaugen. S. Urkuüden bei Jäger, Gesch. von Ulm.
S. 165.

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