Full text: Volume (Bd. 6 (1841))

370 Oeffentlichkeit und Mündlichkeit
allerdings auch von Manchen mißachtet sind, aber für denjenigen,
welcher über oberflächliche Erscheinungen hinweg sieht und die ernste
innere Bedeutung betrachtet, eine sichere Unterlage sind. Zu berich-
tigen ist hiebei ein doppelter Jrrthum der Gegner. Erstens der,
daß sie wähnen, die Rechtsverhältnisse seyen heutzutage verwickelter
und daher schwerer zu beurtheilen, als zur Zeit, wo in Deutschland
noch allgemein Schöffengerichte bestanden. Nicht die Rechtsverhält-
nisse sind jezt verwickelter — diese sind vielmehr einfacher geworden,
wie in jedem Recht bei fortgeschrittener Bildung 45) — wohl aber
die Rechtsnormen, weil fremdes und einheimisches geschriebenes Recht,
und hier namentlich eine endlose Masse von sich gegenseitig aufhe-
benden und berichtigenden Gesetzen in wissenschaftlichem Lehrgewand
großentheils die Stelle des früheren ungeschriebenen Rechts einge-
nommen haben. Man wird dieß nicht ändern, und immer wieder
neue und größere Gesetze geben, wie sie keine Zeit, am wenigsten
das Alterthum gekannt hat; aber dabei wird man doch auch die
unvermittelten und letzten Quellen, die ratio et consuetudo, an
welche sich die iUiterati judices einst allein gehalten haben 46), nie-
mals entbehren können. Dieß führt uns auf den zweiten Jrrthum,-
daß man glaubt, unsre gelehrten Schufen haben alles höhere Wissen
in sich ausgenommen, während sie es dhch meist nur mit dem überlie-
ferten Wissen zu thun haben. Man vergesse nicht, daß auch das Leben
eine Schule ist, und daß die Richter-Mehrheit bei Zusammensetzung
einer und derselben Gerichtsstelle hauptsächlich dadurch ihren Werth be-
hauptet , daß die vereinigten persönlichen Verstandeskräfte und Kennt-
nisse sich gegenseitig ergänzen. So wie nun bei unfern Juristen
bald eine sogenannte civilistische bald eine criminaliftische, und bei den
ersieren hier wieder eine romanistische dort eine germanistische Rich-
tung vorherrscht, ohne daß die eine oder die andere entbehrt wer-
den könnte, so scheint auch neben der rechtswissenschaftlichen Anffas-

45) -Man nehme z. B. die verschiedene persönliche Stellung der Freien
und Unfreien im Mittelalter, und hinwieder die davon abhängi«
gen Gutsverhältnisse, woraus der Gegensatz zwischen Hofrecht,
Stadtrecht, Landrecht, Lehenrecht u. s. w. entstand. Wie schwer
ist es unfern Gesetzgebern geworden, die Ueberreste derselben in
einzelnen Dienst- und Abgabenverhältnissen zu bestimmen?
46) Nauelcri CUron. unten Note 51.

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